Friedhof Königsreihe

Die ersten Juden kommen nach Wandsbek     

wandesburg
Die Wandesburg auf dem Gut Wandsbek

1637 unterstand das adelige Gut Wandsbek einem Pächter, dem Obristen Bernd von Hagen. Er setzte das Privileg (die Konzession) für die Anlage des Friedhofs auf, auf Anraten und Ersuchen der Juden, wie er schrieb.

Warum war es den Juden wichtig, einen eigenen Friedhof zu erhalten?

  • Das religiöse Gebot verlangte die Totenruhe auf unbegrenzte Zeit. Es sollte jederzeit die Möglichkeit zur Auferstehung gegeben sein. Das christliche Bestattungsrecht konnte das nicht garantieren, ebenso wenig duldeten Christen jüdische Bestattete auf ihren Friedhöfen. Ein Grundstück mit "Ewigkeitsgarantie" musste also her. Das war in einer ländlichen Umgebung leichter zu erreichen als in einer Stadt. Die jüdischen Friedhöfe befanden sich meist etwas abgesondert in einer Randlage, so auch in Wandsbek. Dass das Friedhofsgelände damals wie heute in der Nähe des Marktplatzes liegt, stellt eine Besonderheit dar, die sich aus den Gegebenheiten des Gutsbezirkes ergab. 

Mit dem Schriftstück von 1637 erhielten die jüdischen Bewohner
verbriefte Rechte zugestanden:     

                                                                                       friedhofsprivileg

  • Tote aus der Stadt (gemeint war Hamburg) und von „fremden“ Orten zu begraben, z.B. Landjuden aus Regionen der Umgebung oder auf der  Durchreisende Verstorbene
  • Beschneidungen vorzunehmen
  • Gebete abzuhalten, also den Gottesdienst durchzuführen, 
    ein Betsaal existierte unweit des Friedhofs

An Pflichten hatten die Juden zu erfüllen:

  • Gebühren, sogen. Schutzgelder zu zahlen für Begräbnisse und Beschneidungen, also bei Todesfällen und Geburten.  
  • Auch an den Pastor der Kirchengemeinde hatten sie einen Obolus zu entrichten und waren generell zu Wohlverhalten und Zurückhaltung aufgefordert. Die christliche Mehrheit sollte nicht gestört werden. 

Nutznießer des Privilegs waren:

  • die jüdischen Gemeindemitglieder, denen Religionsausübung und ein sicherer Aufenthalt nun garantiert waren
  • die Gutsherren, die über zusätzliche Einnahmen verfügen konnten.

Standort des Friedhofs
In der Straße Langereihe (damalige Schreibweise), nach dem 2. Weltkrieg in Königsreihe umbenannt.

Zahlen und Namen                                 

Grabstein Bela Hekscher  Grabstein Bela Hekscher 1663

  • 1240 Beerdigungen insgesamt bis zur Schließung 1884, noch  845 Gräber vorhanden
  • ältester verzeichneter Grabstein von 1659 ( nicht mehr vorhanden)
  • ältester vorhandener Grabstein von 1663 für Bela Hekscher·
  • Rabbi Löb, Rabbinatsrichter, Rabbiner, vorhandener Grabstein von 1693 
  • Barockstelen der Familie Delbanco (insgesamt 14 bis 20 Gräber) 18. Jahrhundert. Die Gräberreihe gibt Zeugnis von Wohlstand, sittlichem Lebenswandel, Wohltätigkeit und großer jüdischen Gelehrsamkeit der Familie. Mehr als ein Jahrhundert stellte sie die Versorger, Vorsteher und Sprecher der bis dahin kaum entwickelten Gemeinde.

Barockstelen Fam. Delbanco. Barockstelen Familie Delbanco

  • Familie Warburg (7 Gräber) 18. Jahrhundert
  • Dr. David Hanover, Wandsbeker Rabbiner, 20. Jahrhundert
  • Rosa Hanover, geb. Hirsch, 2. Ehefrau, 20. Jahrhundert
  • Hanna Riwka Hanover, geb. Hirsch, 1. Ehefrau, 19. Jh.
  • Samuel Joseph Ballin, aus Dänemark stammender, 1874 in Hamburg verstorbener Vater von Albert Ballin, des späteren Generaldirektors der HAPAG
  • Bei der Geburt verstorbene Frauen und totgeborene Kinder wurden in kleinen Gruppen beigesetzt: 
  • Hannchen Buchwald
  • Lea Oppenheim
  • Ein Gräberfeld für Kinder soll nach 1942 zerstört worden sein.

Bestattet wurde in West-Ost-Richtung (nach Jerusalem)
Die Belegung erfolgte:

  •  von der Mitte des Geländes auf die Südgrenze zu in geschlängelten Reihen und ungleichen Abständen,
  • danach zwischen den Reihen und zwischen den Grabstätten 

Inhalte der Inschriften

  • generell: Zeugnisse eines rechtschaffen gelebten Lebens
  • zuerst eine positive Einstimmung, dann Name, Vatersname, bei verheirateten Frauen der Name des Ehemanns, Todesdatum
  • Worte der Liebe und Anerkennung berichten von Taten und Ämtern, schließen mit dem Gebet: Möge seine/ihre Seele eingebunden sein im Bund des Lebens (Verweis auf die Unsterblichkeit der Seele) abgekürzt TNZBH
  • Den Eingangsworten Hier liegt begraben oder Hier liegt geborgen folgt die Einstimmung eine wackere Frau oder Krone ihres Gatten und Pracht ihrer Kinder als höchste Ehrung einer Verstorbenen. 
  • Die Einführung bei Männern lautet oftmals ein Mann des Glaubens, treuen Geistes, der erhabene Toragelehrte oder ein geradsinniger Mann, der ehrbare Herr...

Symbole

      Levitenkanne Grabstein mit Leviten-Kanne

  • Segnende Hände der Kohanim (Familiennamen Kohen, Cohn, Katz, Katzenstein). 
    Kohanim bekleideten den 1. Rang in der Tempelhierarchie.
  • Leviten-Kanne der Leviim (Familiennamen Levi, Levy, Levisohn, Segal, Leon, Simla, Wiener, Delbanco).
    Leviten bekleideten den 2. Rang in der Tempelhierarchie. 

Steinmetze

  • Jüdische Steinmetze führten die Inschriften selbstständig aus.
  • In Wandsbek existierte der Steinmetzbetrieb Eduard Berlin, der später nach Ohlsdorf zog.
  • Benutzt wurden gebräuchliche Schriften und Lettern der Toraschreiber und der hebräischen Kalligrafie.
  • Die enge Zusammenarbeit von Autoren und gebildeten Steinmetzen hatte eine fehlerfreie Orthografie und eine angemessene Versgestaltung zur Folge.
  • Auf dem Friedhof existiert kein von Laien gefertigter Grabstein, was für die Qualität der in der jüdischen Dreigemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek (AHW) Tätigen spricht. 

Schließung
Der Friedhof musste auf Anordnung des Wandsbeker Magistrats geschlossen werden.

  • Anlass war eine illegale Beerdigung 1883, die von der Jüdischen Gemeinde Wandsbek genehmigt, vom Magistrat Wandsbek jedoch untersagt worden war. Der Konflikt zog sich monatelang hin und beschäftigte auch die Hamburger Öffentlichkeit. 
    Beide Kontrahenten konnten schließlich ihr Gesicht wahren: Der Magistrat setzte sich mit der formalen Begründung wasserrechtlicher Bedenken durch, die Jüdische Gemeinde stimmte der Schließung zu, da ihr im Gegenzug ein Grundstück für einen neuen Friedhofs zugesichert wurde. 
  • 1884 fand mit der Bestattung eines Kindes die letzte reguläre Beerdigung auf dem Friedhof Langereihe statt. 
  • Einige Nachbestattungen folgten auf reservierten Grabstellen, so für Rabbiner Dr. David Hanover 1901 und seiner zweiten Ehefrau Rosa 1909.

NS und 2. Weltkrieg

  • In den ersten Jahren des Nationalsozialismus war der Friedhof bis auf Einzelaktionen noch weitgehend unbeschädigt. 
  • Während des November-Pogroms 1938 wurde die Leichenhalle aufgebrochen.
  • die Umzäunung und einzelne Grabsteine zerstört/umgeworfen, so bei den Gräbern Hanover/Hirsch 1939/40.
  • Spielplatz und Schuttabladeplatz: Der Jüdische Religionsverband protestierte.
  • 1942 Foto-Aktion Hertz: der frühere Mitarbeiter der hamb. Verwaltung fotografierte mit 2 Mitarbeiterinnen die Grabstein-Inschriften 
  • 1942 städtischer BebauungsplanGrünanlage und Neugestaltung des Straßenzuges, 
  • Exhumierung der Toten wurde diskutiert, also die Störung der Totenruhe, was einer Schändung gleichgekommen wäre.
  • Doch der Bombenkrieg eskalierte und die Umgestaltungspläne gerieten ins Stocken.
  • Die Bevölkerung benutzte den Friedhof als Abkürzung zum nahe gelegenen Bunker nahe gelegenen Bunker.     Friedhof unter Trümmerschutt Friedhof von Trümmerschutt übersät

Seit 1945

  • Das Denkmalschutzamt klagte über wilde Holzsucher und ausgerodete Stubben an den Grabsteinen.
  • Eine Fabrik lagerte Eisenreste auf dem Gelände.
  • Jugendliche legten einen Sportplatz an (400 qm).
  • 1959 Rückerstattung des Geländes an die Jüdische Gemeinde in Hamburg.
  • 1960 der Friedhof wurde unter Denkmalschutz gestellt.
  • bis 1970: Geländeabtretungen an Anrainer und die Stadtverwaltung (Neugestaltung des Straßenzuges)
  • 1992-1997 Instandsetzung des Friedhofs bzw. Restaurierung der Grabsteine, (Foto-)Dokumentation der Grabinschriften 
    durch Naftali Bar-Giora Bamberger und Team. Die oben erwähnten Fotos der Hertz-Aktion wurden einbezogen, so dass der Grad der Beschädigungen und Zerstörungen der Grabsteine abgeglichen und ermittelt werden konnte.  

Astrid Louven

Literatur 

  • Naftali Bar-Giora Bamberger, Memor-Buch Die jüdischen Friedhöfe in Wandsbek, Band 1, Hamburg 1997
  • Astrid Louven, Die Juden in Wandsbek, Hamburg 1989/91