JÜDISCHE GEFALLENE 1. WELTKRIEG

Das Grab von Manfred Heimberg – Besuch eines Soldatenfriedhofs mit jüdischen Kriegstoten in Nordwestfrankreich

Manfred Heimberg war 19 Jahre alt, als er 1917 bei Kämpfen in Gommecourt südlich von Arras im Departement Pas-de-Calais sterben musste. Zum Militärdienst eingezogen wurde er aus Wandsbek, wo seine Familie seit 1902 lebte. Dort betrieb sein Vater Louis Heimberg in der Rennbahnstr. 28 (heute Bovestr.) eine chemische Fabrik. Das Domizil der Familie befand sich in Marienthal, in der Goethestr. 20 (heute Jüthornstr. 49). 
Der Geburtsort der vier Söhne der Familie war Padberg in Westfalen, alle wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Der 1897 geborene Manfred war der jüngste, ein Nachzügler, den zwischen zehn und sieben Jahre vom älteren Trio trennten. Die beiden Erstgeborenen René und Edgar überlebten die Kriegsjahre. Edgar war zwei Jahre an der Front und 2 ½ Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft.
Die beiden jüngeren Söhne kehrten nicht zurück. Alwin Heimberg geriet schwer verwundet in Gefangenschaft und galt danach als vermisst. Als Sterbedatum wird der 25. Februar 1916 angenommen. Er gehörte der 11. Kompanie des Infanterieregiments 311 an und starb mit 25 Jahren in St. Marie-a-Py in der Champagne im Departement Marne. Bisher war nicht bekannt, auf welchem der zahlreichen Gräberfelder er schließlich beigesetzt wurde.  Eine Nachricht vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge vom Februar 2017 weist seine letzte Ruhestätte in Souain aus, ca. 40 km südöstlich der Stadt Reims gelegen und 20 km von St. Marie-a-Py.

Der Friedhof Souain wurde nach Kriegsende von der französischen Militärbehörde angelegt und 1972 vom Volksbund neu gestaltet. Dabei hat man die alten Holzkreuze durch Natursteine ersetzt. Auf der Kriegsgräberstätte Souain ruhen fast 2.500 Gefallene in Einzel- und Gruppengräbern, über 11.000 fanden in zwei sogen. Kameradengräbern letzte Aufnahme. In einem Namenbuch aus Metall zwischen den beiden Großgräbern sind die Personalien der dort Bestatteten festgehalten. Letzte Gewissheit, ob sich unter ihnen die sterblichen Überreste von Alwin Heimberg befinden, gibt es angesichts des massenhaften Sterbens auf den Schlachtfeldern und des Provisoriums der ersten, später wieder aufgehobenen Gräber nicht.

Sein Bruder Manfred Heimberg ist auf dem deutschen Soldatenfriedhof Neuville-St. Vaast bestattet. Dort „liegen die Gräber von 444.888 deutschen Kriegstoten. Der Friedhof wurde von den französischen Militärbehörden in den Jahren 1919 bis 1923 als Sammelfriedhof für deutsche Kriegstote aus dem Raum nördlich und ostwärts Arras angelegt. Er ist der größte deutsche Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges in Frankreich. Aus mehr als 110 Gemeinden im Département Calais erfolgte die Umbettung der bis dahin in Feldgräbern oder kleinen Kriegsgräberstätten provisorisch beigesetzten deutschen Toten. Groß war auch die Zahl der Gefallenen, deren sterbliche Überreste man bei der Aufräumung und Rekultivierung des ehemaligen Schlachtfeldes im Laufe der Jahre fand. 
Die heute auf dem Friedhof Neuville ruhenden Angehörigen von mehr als 100 verschiedenen Infanteriedivisionen und Artillerieregimentern sowie zahlreichen anderen Einheiten, wie Pionieren, Fliegern, Minenwerfern usw. verloren ihr Leben bei den schweren Kämpfen im Artois und um die Lorettohöhe von August 1914 bis Ende 1915, um die Vimy-Höhe Ostern 1917 und im Herbst 1918 sowie durch den zwischen den Großkampftagen andauernden Stellungskrieg. Die beteiligten Truppenteile kamen aus allen Ländern und Provinzen des damaligen Deutschen Reiches…“2

Das war mir in allen Einzelheiten nicht bekannt, als ich auf einer Gedenkreise im August 2014 beim Überqueren des Gräberfeldes in Neuville zufällig auf den Grabstein von Manfred Heimberg zugelaufen bin. Heimberg??? Da war doch was? Natürlich, Wandsbek! Den Namen Heimberg kenne ich seit 1988, als ich an meinem Buch Die Juden in Wandsbek schrieb.

Der Friedhof in der Nähe der Stadt Arras beherbergt etwa 130 Gräber deutscher Soldaten jüdischen Glaubens, die sich zwischen den Gräbern der christlichen Gefallenen befinden. Statt eines Eisenkreuzes hat man für die jüdischen Soldaten oben abgerundete Grabsteine errichtet und über dem Namen einen Davidstern angebracht. Diese Kenntlichmachung verweist den Betrachter darauf, dass auch jüdische Soldaten am Krieg teilnahmen und ihr Leben opferten. 
Manfred Heimberg war als Musketier eingesetzt, damit bekleidete er den einfachsten Dienstgrad, er gehörte der 8. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 153 an. Sein jugendliches Alter lässt auf mangelnde Erfahrung, vielleicht auch auf unzureichende Ausbildung schließen. Möglicherweise gab er dem Druck nach, der durch die 1916 angeordnete Judenzählung auf den jüdischen Kriegsteilnehmern lastete und verhielt sich leichtsinnig, um nicht als Drückeberger zu gelten. 

Wahrscheinlicher dürfte der Umstand gewesen sein, dass sich Manfreds Kompanie an der Frontlinie zwischen Arras und Roye aufhielt, die inzwischen eine starke Einbuchtung erlitten hatte. Den äußersten Vorsprung bildete das Dorf Gommecourt. Die Verteidiger dieser Zacke sahen sich von drei Seiten einem konzentrischen feindlichen Feuer ausgesetzt. Es erschien zweckmäßig, die unhaltbar gewordene Stellung aufzugeben. Die Rückverlegung fand in zwei Schritten statt, in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1917 und vom 10. bis 23. Februar.4

Die Frontbegradigung blieb den gegnerischen Truppen längere Zeit verborgen. Das aufgegebene Gelände wurde von den deutschen Rückzugstruppen geräumt und völlig zerstört, damit die Gegner keinerlei Nutzen daraus ziehen konnten.

Trotz der Geheimhaltung muss es Rückzugsgefechte gegeben haben, sonst wäre Manfred Heimberg ihnen nicht zum Opfer gefallen. In der Verlustliste ist über ihn vermerkt: „verstorben an seinen Wunden“. Er erlag also seiner Verwundung, allerdings wissen wir nicht, wann er sie sich zugezogen hat und wie lange er leiden musste. Als Sterbedatum wird der 12. Februar 1917 angenommen.
Bevor man Manfreds sterbliche Überreste nach Neuville-St.Vaast brachte, war er auf einem Friedhof in Croisilles bestattet, südlich von Arras und ca. 25 km von Gommecourt entfernt.
Heute können wir uns nur noch der hebräischen Inschrift auf seinem Grabstein anschließen: Möge seine Seele eingebunden sein in den Bund des Lebens. 
Mit der Judenzählung wollte das Kriegsministerium belegen, dass die deutschen Juden sich nur unterproportional am Kriegsdienst beteiligten bzw. verstärkt bei Tätigkeiten fern der Front eingesetzt waren. Bekanntlich wurden die Zahlen erst einmal zurückgehalten, was den Antisemiten weiteren Auftrieb gab. Schließlich schafften es die militärischen Kreise nach dem Krieg Juden und Sozialdemokraten für das desolate Kriegsende und den Versailler Vertrag verantwortlich zu machen. Erst in den 1920er Jahren wertete man von jüdischer Seite das Zahlenmaterial wissenschaftlich aus. Insgesamt wurden 100.000 jüdische Männer eingezogen, darunter 10.000 als Freiwillige. 78.000 hatten an der Front gekämpft und 12.000 fielen dem Krieg zum Opfer. 
Nach einer Statistik in den Akten der jüdischen Gemeinde Wandsbek waren 59 Gemeindemitglieder zum Kriegsdienst eingezogen, 15 überlebten den Einsatz nicht. Die Gemeinde brachte zum Gedenken an ihre gefallenen Mitglieder im Jahre 1930 eine Tafel in der Wandsbeker Synagoge an.5 Acht Namen habe ich in Datenbanken der Soldatenfriedhöfe finden können. Den Anstoß dazu hat der von mir entdeckte Grabstein von Manfred Heimberg gegeben. Andere wurden auf Gräberfeldern in Frankreich und Belgien, in Cheppy, Etaples, Halluin, Langemark und Montdidier beigesetzt. 
Die Familie Heimberg lebte weiterhin in Wandsbek. René Heimberg promovierte und führte als Handelschemiker zusammen mit seinem Bruder Edgar die vom Vater gegründete Fabrik weiter. Ihre Namen fanden sich Mitte der 1930er Jahre unter der Rubrik Industrie auf einem antisemitischen Flugblatt wieder, das in hetzerischer Manier zum Boykott jüdischer Geschäftstätigkeit aufrief. René Heimberg starb 1937 in Wandsbek. Seine Frau, die Chemikerin Maria Heimberg und der Sohn Ludwig (Jg. 1929) emigrierten 1939 nach England, nahezu mittellos. 
Edgar Heimberg wurde 1938 inhaftiert, seines Besitzes beraubt und 1941 zusammen mit seiner Frau Bertha nach Lodz deportiert und 1942 in Chelmno ermordet.6 25 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg lebte niemand mehr von ihnen in Deutschland. Nur Gräber auf dem jüdischen Friedhof Ihlandkoppel in Hamburg-Ohlsdorf erinnern noch an die Familie: Da ist das Grab von René Heimberg; nicht weit entfernt davon befindet sich der Grabstein der Eltern Louis und Meta Heimberg, flankiert von zwei Gedenktafeln für die beiden gefallenen Söhne. 
1947 erschienen in der amtlichen London Gazette die Namen von Mary (Marie) und Louis (Ludwig) Heimberg mit dem Zusatz: „Germany; Chemist; 15, Leys Avenue, Cambridge; 3 April, 1947.“ Damit galten sie als nach England eingebürgert.   © Astrid Louven August 2014, ergänzt März 2017

1 Infanterie-Regiment Graf Bose Nr. 31 Standort: Altona (IX. Armee-Korps)
2 Onlineportal des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

3 Reserve-Infanterie-Regiment 15 (Westfälisches RIR 15), Standort: Minden (VII. Armee-Korps)
4 Heeresbericht vom 9. März 1917

5 Astrid Louven, Die Juden in Wandsbek, Hamburg 1989/1991

6 Astrid Louven, Stolpersteine in Hamburg-Wandsbek, Hamburg 2008, Biografie Heimberg; www.astrid-louven.de/Stolpersteine

 










Gefallen im 1. Weltkrieg: Grab des jüdischen Wandbekers Manfred Heimberg, entdeckt auf einem Soldatenfriedhof in Nordfrankreich im August 2014.