ARNOLD ZWEIG

Vorbemerkung
Der folgende Text basiert auf einem Vortrag bei der Deutsch-Jüdischen-Gesellschaft Hamburg e.V. im Jahre 1987, dem Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag Arnold Zweigs. Die Veranstaltung fand (zufällig?) am 26. November 1987 statt, dem Todestag Zweigs.
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„Denn der Mensch muss leben und nicht andere für sich leben lassen...“:
Vortrag zum 100. Geburtstag (und 19. Todestag) von Arnold Zweig (1987)

Sprechen wir von Arnold Zweig, so meinen wir einen deutschen Juden, Humanisten, Pazifisten, Antifaschisten, utopischen Sozialisten und kritischen Zionisten. Seiner breit gefächerten Persönlichkeit entspricht auch sein Gesamtwerk mit einem Dutzend Romanen, etwa siebzig Erzählungen und Novellen, zehn Schauspielen, einem Band Gedichte und Hunderten von Reden, Aufsätzen und Essays.
Seine traumatischen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, die ihn zum Pazifisten machten, verarbeitete er in seinen Werken: allein sechs seiner Romane thematisieren den Krieg. Der erstarkende Antisemitismus begleitete ihn seit Kindertagen und führte zu seinem Bekenntnis zum Zionismus. Zweig stellte das Schreiben in den Dienst seiner Überzeugungen und war ganz entschieden ein politischer Schriftsteller.
Arnold Zweig verstarb heute vor 19 Jahren hochgeehrt in der DDR. In der Bundesrepublik blieb er bis in die 1970er Jahre hinein ein nahezu Unbekannter. Erst die Verfilmungen seiner Werke „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „Die junge Frau von 1914“ und „Das Beil von Wandsbek“ machten ihn hier bekannter. Seine antifaschistische Haltung und sein Bekenntnis zur DDR, wo er seit 1948 lebte, passten nicht in das politische Klima der konservativ geprägten jungen Bundesrepublik der Nachkriegszeit.
Hinter Arnold Zweig liegt das ereignis- und erfolgreiche Leben eines deutschen Juden und linken Schriftstellers des 20. Jahrhunderts mit allen Widersprüchen und Polarisierungen. Ein Leben, in dem sich Erfolg und Verfolgung abwechselten. Zweig errang Weltruhm als Schriftsteller und erlebte fünf Jahre später die Verbrennung und das Verbot seiner Bücher. Er musste Deutschland verlassen und kehrte aus dem Exil zurück. Bei allem blieb er, was er immer gewesen war: ein deutscher Dichter.
Doch drehen wir die Uhr der Geschichte zurück.
Zweigs Vorfahren waren kleine Schankpächter und Landjuden im oberschlesischen Kreis Lublinitz. Sein Vater, Adolf Zweig, ging nach einer Sattlerlehre auf Wanderschaft, heiratete die aus einer holländisch-jüdischen Familie stammende Bianca van Spandow und übernahm das Fuhr- und Getreidegeschäft des Schwiegervaters in der niederschlesischen Stadt Glogau. Dort wurde Arnold Zweig am 10. November 1887 geboren. Anfang der 1890er Jahre verabschiedete die antisemitische Fraktion im Landtag ein Gesetz, das den Garnisonen der Einkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse bei jüdischen Zwischenhändlern verbot. Da die Firma Zweig-Spandow das in Glogau stationierte Artillerie-Regiment nun nicht mehr beliefern durfte und sich weitere Boykottmaßnahmen anschlossen, verlor sie allmählich die Existenzgrundlage und ging schließlich Bankrott. Die Familie Zweig siedelte 1896 nach Kattowitz über, wo Adolf Zweig mit Hilfe seiner Verwandten im alten Sattlerberuf Fuß fassen und ein Geschäft für Reitzeug, Koffern und Lederwaren eröffnen konnte. Die Ehe der Eltern wurde durch den wirtschaftlichen Abstieg zerstört.
Der Niedergang der Familie, der offensichtlich durch judenfeindliche Gesetze herbeigeführt worden war, prägte den jungen Arnold Zweig und führte ihn früh zum Schreiben. Seine ersten literarischen Arbeiten entstanden 1906 während seines Studiums generale mit den Stationen Berlin, München, Rostock, Göttingen und Breslau. Die erste veröffentlichte Arbeit erschien 1908 im „Musenalmanach“ der Münchener Freien Studentenschaft, bei der er mitarbeitete. 1910 brachten Zweig und einige Kommilitonen sechs Nummern der Zeitschrift „Die Gäste“ in Kattowitz heraus. 1911 schrieb er die Novelle „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer“, die autobiografische Züge aufwies und in Palästina spielte. Die 1912 erschienenen „Novellen um Claudia“ brachten ihm den ersten literarischen Erfolg. Gegen die Vorstellungen seiner Eltern, die an eine (gesicherte) Lehrerlaufbahn gedacht hatten, entschied sich Zweig für den Beruf des freien Schriftstellers.
1914 stimmte Zweig in den Chor der Kriegsbegeisterten ein, bis ihn 1915 das eigene Fronterlebnis veränderte. 16 Monate als Kriegsteilnehmer im Stellungskrieg „in der Hölle von Verdun“ brachten ihn an den Rand des psychischen Zusammenbruchs. Als besondere Schmach mussten er und die anderen kämpfenden Juden die 1916 vom preußischen Kriegsministerium durchgeführte sogen. Judenzählung empfunden haben, mit der geprüft werden sollte, ob sich nicht unverhältnismäßig viele jüdische Soldaten dem Kriegsdienst entzogen hätten. Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit vorenthalten, und das Ministerium unterließ es, Gerüchten entgegenzutreten, dies geschehe aus Rücksicht auf die Juden, weil die Ergebnisse für sie „vernichtend“ seien. Derart ausgegrenzt wehrte sich Zweig mit der Erzählung „Judenzählung vor Verdun“.
1917 wurde er von der Front versetzt und Redaktionsmitglied der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost nach Litauen und Russland. Hier bekam er erstmalig Kontakt zum kultischen Leben der ostjüdischen Gemeinden, die sich ihre volkstümliche Kraft bewahrt hatten – anders als ihre assimilierten Glaubensbrüder in West- und Mitteleuropa. Zweig nahm an Veranstaltungen teil und hielt vor zionistisch orientierten Hörern Vorträge. Die russische Oktoberrevolution von 1917 beeindruckte ihn nachhaltig.
Zweig kam aus dem Krieg als Pazifist und Demokrat zurück. Er veröffentlichte nun Erzählungen und Essays in den Wochenzeitschriften „Simplicissimus“ und „Schaubühne“, nach deren Umbenennung in der „Weltbühne“ und in den „Neuen Jüdischen Monatsheften“, in denen er das Thema Krieg kritisch behandelte.
1916 hatte Zweig seine Cousine, die Malerin Beatrice Zweig, geheiratet, mit der er zwei Söhne hatte, und über 50 Jahre zusammenleben sollte. Das Ehepaar übersiedelte 1919 von Berlin nach Starnberg bei München. Zweigs Schaffensbedingungen verschlechterten sich, da er infolge der kriegsbedingten Entbehrungen an Augentuberkulose erkrankte. Die Krankheit konnte später geheilt werden, verminderte seine Sehfähigkeit jedoch erheblich, so dass er gezwungen war, eine neue Arbeitsmethode zu entwickeln. Alles, was er aus eigenen oder fremden Werken aufnehmen wollte, musste ihm vorgelesen werden – und jederzeit aus dem Gedächtnis abrufbar sein. Er diktierte überwiegend im Liegen, mit geschlossenen Augen, meist pausenlos. Zweigs Prosa wurde im Augenblick des Entstehens gleichsam aufgeführt, deklamiert: sie will gesprochen sein.
In der „Weltbühne“ erschien seine Trauerrede für die ermordeten Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Nazis brachten Hetzplakate heraus und schrieben ihm Drohbriefe. Weitere Übergriffe nötigten die Familie Zweig, ihren Wohnsitz am Starnberger See aufzugeben und nach Berlin zurückzukehren.
Zweigs 1920 geschriebener Text zum „Ostjüdischen Antlitz“, den Zeichnungen des Malers Hermann Struck, war sein literarisches Bekenntnis zum ursprünglichen Judentum, sein Appell an die deutschen Juden, die Ostjuden vor dem Untergang zu bewahren, der ihnen durch Pogrome von Polen, Ungarn und Ukrainern drohte. Das Motto dieses Vortrags habe ich dort entnommen. Ostjüdisch zu leben, so hatte Zweig beobachtet, bedeutete (für jüdische Männer), das Alltagsleben zu akzeptieren und sich in der übrigen Zeit dem Lesen und Diskutieren der religiösen Schriften zu widmen. In einer Heimstatt in Palästina „unter Gemeinbesitz an Grund und Boden und den entscheidenden Produktionsmitteln dem sozialistischen Geist zu leben, im jüdischen Lande, dem Lande unserer Arbeit und Erfüllung“, sah er die Lösung zur Rettung des Ostjudentums.
Zweigs Erfahrungen mit den Ostjuden, mit Antisemitismus und Straßenterror gegen die Weimarer Republik hatten sein jüdisches Bewusstsein gestärkt. Die Idee des Zionismus in den Ausprägungen von Martin Buber, Leopold Landauer und Franz Oppenheimer bedeutete ihm nicht nur Hoffnung auf einen jüdischen Nationalstaat in Palästina, sondern war geknüpft an gesellschaftliche Utopien zur Überwindung des Kapitalismus. Als Sozialismus jüdischer Prägung erschien der Zionismus gleichsam als Reaktion auf Assimilations- und Antisemitismuserfahrungen, denen sich die europäischen Juden ausgesetzt sahen. Viele unter ihnen hegten die Hoffnung, in einem eigenen Staat Ruhe und Geborgenheit zu finden. So war auch Arnold Zweig davon überzeugt, dass der soziale bzw. kommunistische Gesellschaftsgeist im Grunde „bestimmten religiösen Grundkräften in der Seele der Juden“ außerordentlich entspreche. Mit der wohlwollenden Erklärung des Außenministers Balfour 1917 als Bevollmächtigter der britischen Mandatsbehörden war – so schien es zumindest – ein gravierender Schritt in Richtung jüdischer Staat in Palästina getan.
1924 wurde Zweig Redakteur bei der „Jüdischen Rundschau“, dem Zentralorgan der zionistischen Vereinigung für Deutschland.
Seit 1925 war er als freier Schriftsteller tätig. Er schrieb „Das neue Kanaan“ und sprach mit Begeisterung von den vernunft- und gerechtigkeitsliebenden, spaßbereiten, temperamentvollen jüdischen Menschen. Er erfasste auch das heute noch existierende Problem, dass nämlich ein „nationales Heim der Juden... nur unter dem Beifall der Araber Palästinas“ aufzubauen sei. Mit Besorgnis beobachtete er die Ausbrüche eines zionistischen Nationalismus, z.B. anlässlich des 1924 in Jerusalem ermordeten Schriftstellers Israel de Haan. Dieser vertrat, entgegen der Linie der Haganah-Zionisten, eine religiös begründete, gemäßigte Richtung gegenüber den Arabern. Zweig verarbeitete den Auftragsmord in seinem 1932 erschienenen Roman „De Vriendt kehrt heim“. Auf die immer heftiger werdenden antisemitischen Attacken antwortete er mit dem Essay „Caliban oder Politik und Leidenschaft“ 1927, den er Sigmund Freud widmete. Ein über zehnjähriger Briefwechsel zwischen „Vater“ Freud und „Meister“ Zweig nahm seinen Anfang. In dieser Zeit entstand auch Zweigs Freundschaft zu Lion Feuchtwanger.
Das Jahr 1927 begründete Zweigs Weltruhm. Innerhalb von nur zwei Monate diktierte er den Antikriegsroman „Der Streit um den Sergeanten Grischa“. Zweig war 40 Jahre alt. Namhafte schreibende Kollegen wie Feuchtwanger, Schnitzler, Stefan Zweig, Tucholsky u.a. begrüßten die Publikation, die nach zwei Jahren bereits über 100 000 Mal verkauft worden war. Endlich finanziell abgesichert, ließen sich die Zweigs in Berlin ein Haus im zeitgenössischen Bauhausstil errichten.
Dem „Grischa“ folgte eine Fülle von Antikriegsliteratur; als bekannteste Autoren seien Erich-Marie Remarque und Theodor Plivier genannt. In der im „Grischa“ beschriebenen Wertezersetzung und dem positiven Ausblick Zweigs auf längst fällige gesellschaftliche Veränderungen sahen sich linke und links-liberale Kreise bestätigt. Sie beurteilten den Roman als literarische Äußerung eines überzeugten Pazifisten und Humanisten und hoben das versöhnliche Moment des Werkes hervor. Das konservative und rechtsradikale Spektrum raste, ließ seinen antisemitischen Beschimpfungen freien Lauf und konnte sich durchsetzen.
Der weltberühmte „Grischa“ war selbst zum Streitobjekt geworden und wurde schließlich für den Gebrauch an höheren Schule in Deutschland verboten.
Auf den NS-Machtantritt antwortete Zweig mit der „Bilanz der deutschen Judenheit“, in der er den Beitrag und die Verdienste der jüdischen Intellektuellen und Wissenschaftler für das deutsche Vaterland aufzeigte. Gleichzeitig appellierte er an den Völkerbund, das jüdische Volk als gleichberechtigtes Mitglied aufzunehmen und betonte die Notwendigkeit einer Heimstatt für Juden in Palästina.
Hatte Zweig noch im November 1932 seinen festen Willen bekundet, seinen Wohnsitz in Berlin zu behalten, so sah er sich nur wenige Monate später zur Emigration gezwungen. Am 14. März 1933 verließ die Familie Zweig Deutschland und erreichte über Aufenthalte in Prag, Wien und Südfrankreich am 21. Dezember 1933 Palästina, wo sie sich auf dem Karmel in Haifa niederließen. Dass er aus der Ferne die Situation in Deutschland falsch einschätzte, belegt Zweigs Überzeugung, die NS-Herrschaft würde nur wenige Jahre dauern, der er noch im Jahre 1936, dem Jahr seiner Ausbürgerung, anhing. Seine Bücher waren längst verbrannt; sein Grundstück in Berlin-Eichkamp enteignet.
Wie viele Emigranten aus Deutschland konnte auch die Familie Zweig ihren gewohnten Lebensstandard in Palästina nicht mehr aufrecht erhalten, zumal auch der Erfolg für seinen Roman „Erziehung vor Verdun“ ausblieb, der als sein bester gilt. Als das Buch 1935 erschien, war Zweig der deutsche Markt bereits versperrt. In Palästina reagierte man ablehnend, weil er noch in deutscher Sprache schrieb. Seine Bücher wurden nicht ins Hebräische übersetzt. Durch seine Augenkrankheit behindert, fiel es ihm auch schwer, die Sprache seiner neuen Heimat zu lernen, da er die Konsonantenstriche nicht erkennen konnte. Unter diesen Umständen schwand Zweigs Verbundenheit mit der zionistischen Idee zusehends. Die Familie musste in eine bescheidenere Wohnung ziehen und war mehr und mehr von den Zuwendungen im Ausland lebender Freunde abhängig. Nach der Annektion Österreichs 1938 und dem Kriegsbeginn 1939 musste Zweig auch seine Auslandsreisen einstellen. Er beklagte sich bei Sigmund Freud über die Unbequemlichkeiten des Alltagslebens in dem Siedlerland Palästina, lobte aber auch die Aufbauleistungen in den Kibbuzim.
Im Übrigen wartete er – wie es ein Freund in einer Fernsehsendung später formulieren sollte – auf die Theater und Verleger, und die Theater und Verleger warteten auf ihn.
Vom real existierenden Zionismus enttäuscht, wandte er sich wieder dem Sozialismus zu. In Deutschland war er seinerzeit der „Gesellschaft des Freunde des Neuen Russlands“ beigetreten, der die Sowjetunion unterstützte. Nun gründete er 1941 mit Freunden die „Liga V“, eine Organisation zur Unterstützung der von der deutschen Wehrmacht überfallenen Sowjetunion. Nach und nach konnten sieben motorisierte Ambulanzwangen, ein Operationswagen und eine Apotheke der Sowjetarmee übergeben werden. In seinen Vorträgen wies Zweig auch auf den Wert immaterieller Hilfe hin. Er plädierte für den Abbau von Vorurteilen und für die Völkerverständigung.
1942 erschien unter Zweigs Mitarbeit die deutschsprachige Zeitschrift „Orient“, die mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Obwohl antifaschistisch ausgerichtet, warf man ihr antizionistische Tendenzen vor, weil Missstände in Palästina kritisiert wurden. Nach einem schwierigen Jahr, in dem die Zeitschrift oftmals mit Verzögerungen erschien, und einem Sprengstoffanschlag wurde die Herausgabe eingestellt.
In Palästina schrieb Zweig die Romane „Einsetzung eines Königs“ und „Das Beil von Wandsbek“, letzteres erschien 1943 in einer hebräischen Ausgabe.
Gegen Kriegsende 1945 stellte sich Zweigs Lage folgendermaßen dar: Er fühlte sich der zionistischen Sache verpflichtet, obwohl er sich in Palästina nicht wohlfühlte und dort keine schriftstellerische Zukunft für sich sah.
Dass er sich 1948 für eine Übersiedlung in die Ostzone, der späteren DDR entschied, schien seiner Überzeugung zwar zu entsprechen, war aber nicht die Erfüllung eines länger gehegten Wunsches, sondern wohl eher ein Produkt der politischen Verhältnisse im Nachkriegseuropa. In England hatte er kein Visum bekommen, Schweden soll im Gespräch gewesen sein, die USA kamen wegen des politischen Klimas nicht infrage, ebenso wenig die Westzonen, die im Ruf standen, nicht genug zu tun, um NS-Täter namhaft zu machen und zu verurteilen. Die DDR konnte mehrere Vorteile für sich verbuchen. Sie gab sich antifaschistisch und wirkte abschreckend auf NS-Täter bzw. frühere NSDAP-Mitglieder. Ehemals Verfolgte, wie KZ-Überlebende oder Emigranten, fühlten sich staatlicherseits mehr angenommen als in der westdeutschen BRD. Das Wiedereintauchen in den deutschen Sprachraum war für den deutschen Schriftsteller Arnold Zweig zweifellos eine große Erleichterung. Während er gewillt war, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren, und der Remigration nach Deutschland positiv gegenüberstand, drohte seine Frau an der Übersiedlung zu zerbrechen. Beatrice Zweig erkrankte an einer schweren Psychose. Sie fühlte sich als Jüdin unter Deutschen nicht sicher; sie ertrug den Anblick des zerstörten Berlin nicht; sie wollte nach Haifa zurückkehren und unter ihresgleichen leben, blieb dann aber doch.
Zweig wurde in der DDR als anerkannter Schriftsteller aufgenommen. Er erhielt auch die Unterstützung der sowjetischen Verwaltung. Der Aufbau-Verlag machte ihm das Angebot, vier Bände seines Zyklus „Der große Krieg der weißen Männer“ vorzubereiten. Der Roman-Zyklus umfasst sechs Romane und ein Fragment. Zwischen 1926 und 1965 geschrieben, stellt er die Chronik der Ereignisse zwischen dem Sommr 1913 und dem Herbst 1918 dar. Die DEFA erwog die Verfilmung seiner Romane.
Die Zweigs bezogen das Haus in der Ost-Berliner Homeierstr. 13, das ursprünglich für den 1950 im Exil verstorbenen Heinrich Mann bestimmt gewesen war.
Zweig bekannte sich auch politisch zur DDR, wurde Mitglied der SED und Abgeordneter der Volkskammer. Er erhielt die Ehrendoktorwürde, 1962 den Professorentitel und war mehrere Jahre lang Präsident der Akademie der Künste. Zweig schwieg zum Aufstand der DDR-Arbeiter am 17. Juni 1953, zum Ungarn-Aufstand 1956 und 1961 zum Bau der Berliner Mauer. Er nahm hingegen nicht an der Verurteilung des Staates Israel durch die DDR teil und hielt weiterhin Kontakt zu Freunden in Israel.
In der DDR veröffentlichte er die drei Romane Die Feuerpause (1954), Die Zeit ist reif (1955) und Traum ist teuer (1962). Sein Manuskript „Freundschaft mit Freud“ wurde nicht herausgegeben, sehr zur Verbitterung Zweigs und bezeichnend für das kulturelle Klima in der DDR. Die SED erhob den Führungsanspruch auch in Fragen der Kunst. Die literarische Moderne und ihre Klassiker wie Joyce, Kafka, Musil, galten – wie seinerzeit in der NS-Zeit – als entartet und zersetzend. Auch Berthold Brecht war oft Zielscheibe der SED-Funktionäre.
Die kulturpolitischen Ziele wurden durch Propaganda, materielle Bevorzugung und Zusammenfassung der Künstler im staatlichen Schriftstellerverband erreicht. Erst nach Stalins Tod forderte die Akademie der Künste, staatliche Organe hätten sich administrativer Maßnahmen in Sachen Kunst zu enthalten.
1966 besuchte Zweig anlässlich eines Kongresses Hamburg. Wegen seiner unkritischen Haltung gegenüber der DDR wurde er von seinen Schriftstellerkollegen angegriffen, die in ihm einen Opportunisten sahen. Seine Bücher wurden in der Bundesrepublik kaum zur Kenntnis genommen. Eine Gesamtausgabe seiner Werke fehlt(e) noch immer. Ein Symposium anlässlich seines 100. Geburtstages fand dieser Tage weder in der DDR, der BRD noch in Israel statt – sondern in Cambridge.
Zweig starb mit 81 Jahren. Er ist auf dem Dorotheenstädter Friedhof in Ost-Berlin bestattet – wie auch andere links-intellektuelle Kollegen: Heinrich Mann (überführte Urne), Berthold Brecht und Anna Seghers.
Beatrice Zweig starb 1971. Der Sohn Adam Zweig lebt in Zürich (Arzt) und Michael Zweig in Amerika.

Literatur
Arnold Zweig, Das ostjüdische Antlitz, aus: Ein jüdischer Kalender 1987/88, AugsburgEberhard Hilscher, Arnold Zweig, Berlin 1978David R. Midgley, Arnold Zweig, Eine Einführung in Leben und Werk, Frankfurt 1980Doris Maurer, Das Exil in der Ferne, in: Die Zeit vom 6.11.1987Matthias Geis, Literatur im realen Sozialismus, in: Die Tageszeitung vom 25.11.1987Arnold Zweig, Das Beil von Wandsbek, Frankfurt 1982Gesamtschule Altona (Hrsg.), Bruno Tesch – Unsere Schule soll seinen Namen tragen, Hamburg 1986Wer das Recht verlässt, der ist erledigt, ARD-Fernsehbeitrag am 10.11.1987

s.a. Das Beil von Wandsbek