DAS BEIL VON WANDSBEK

Arnold Zweigs Roman „Das Beil von Wandsbek“
Während seiner Europareise 1937 stieß Zweig auf einen Artikel im Prager Exilblatt „Deutsche Volkszeitung“ vom 10. April. Dort war zu lesen: „Selbstmord eines Henkers. Altona (DI) – Die Hinrichtung von Jonny Dettmer und drei weiteren Antifaschisten wurde seinerzeit nicht dem Hamburger Scharfrichter, sondern dem Schlächtermeister und SS-Mann Fock aus Altona übertragen. Der Schlächtermeister hatte gehofft, dass er mit den 200 Mark, die ihm die Hinrichtung einbrachte, sein Geschäft würde wieder in Gang bringen können. Nach und nach sickerte aber durch, dass er der Henker der vier unschuldigen Opfer des Hakenkreuzes gewesen sei. Daraufhin blieben immer mehr Kunden weg, und der finanzielle Zusammenbruch war unvermeidlich. In seiner Verzweiflung erschoss der Schlächtermeister zunächst seine Frau und beging dann Selbstmord.“
Auf dieser Begebenheit basiert die Handlung in Zweigs Roman „Das Beil von Wandsbek“. Zweig ließ die Handlung drei Jahre nach der Hinrichtung der vier Antifaschisten einsetzen. Der Roman umfasst den Zeitraum 1937/38 und beschreibt den Untergang des NS-Regimes im Augenblick seines scheinbar größten Erfolges.
Der Roman bezieht sich also nicht direkt auf den „Altonaer Blutsonntag“, wie nach der Verfilmung des Romans angenommen wurde. Die Ereignisse ähneln sich ihrer äußeren Erscheinung nach jedoch sehr, bildeten aber lediglich den gedanklichen Rahmen, der die Romanhandlung beeinflusst hat. Konkretisiert wurde das Roman-Konzept jedoch erst durch die Variante „Schlachtermeister als Henker“ und den sich daraus ergebenden tragischen Konsequenzen.
Anzumerken bleibt, dass Jonny Dettmer nicht zu den Verurteilten des Altonaer Blutsonntags gehörte, er wurde erst am 19. Mai 1934 wegen einer nicht in Altona, sondern in Hamburg begangenen Tat hingerichtet.
Der sogen. Altonaer Blutsonntag ereignete sich am 17. Juli 1932, als SA-Truppen zur Demonstration ihrer Macht durch die Straßen des „Roten Altona“ marschierten. Am Ende gab es 60 Verletzte und 18 Tote, darunter zwei SA-Männer, die übrigen waren Zuschauer oder unbeteiligte Bewohner des Stadtteils. Verhaftet und 1933 durch ein Sondergericht am Tod der SA-Männer für schuldig befunden und zum Tode verurteilt, wurden vier Männer: August Lütgens, Walter Möller, Bruno Tesch und Karl Wolff. Sie wurden am 1. August 1933 im Hof des Altonaer Amtsgerichts durch Handbeil hingerichtet (Gerichtstraße Ecke Max-Brauer-Allee). Damit waren die ersten politischen Todesurteile des NS-Regimes vollstreckt.

Es ist darüber spekuliert worden, warum Arnold Zweig die Roman-Ereignisse von Altona nach Wandsbek verlegt hat. Die Wandsbeker wissen es vermutlich ohnehin besser. Albert Teetjen in Zweigs Roman hatte sein Geschäft in der Wagnerstraße und war demnach gar kein Wandsbeker, sondern ein Eilbeker Schlachtermeister. Eilbek lag auf Hamburger Gebiet. Gleiches gilt für die Wandsbeker Chaussee, die im Roman erwähnt wird; sie ist bis 1937 eine Straße auf Hamburger Gebiet gewesen und gehört auch heute nur zu einem kleinen Teil zum Bezirk Wandsbek. Zweig kannte sich in Hamburg (und Wandsbek) nicht besonders gut aus. Korrekterweise hätte der Roman „Das Beil von Eilbek“ heißen müssen.
Zweigs Recherche soll auf einem geborgten Stadtplan fußen, den er sich bei seinem Freund Walter A. Berendsohn, einst Schüler des Wandsbeker Matthias-Claudius-Gymnasiums, geborgt hatte. Ferner soll er Gespräche mit Emigranten aus Hamburg geführt haben, um Informationen zu sammeln, die er bei der Planung des Romans offenbar genutzt hat. So erwähnt er neben den Stadtteilen Eilbek und Wandsbek Haftanstalt Fuhlsbüttel und gleichnamiges KZ, die berüchtigte Irrenanstalt Friedrichsberg, den Ohlsdorfer und den Wandsbeker Friedhof, den Tierpark Hagenbeck und die Elbinsel Finkenwerder.
Zweig erzählt die Geschichte des Schlachtermeister Teetjen, der durch die Konkurrenz von Groß-Geschäften seine Lebensgrundlage bedroht sieht und bereit ist, für einen Henkerlohn vier Kommunisten im Konzentrationslager Fuhlsbüttel zu enthaupten. Die Ärztin Käthe Neumeier, ehemalige Sozialdemokratin und zu den Nazis konvertiert, hat ihren Irrtum längst erkannt und kommt Teetjen auf die Spur. Sie sorgt dafür, dass die Schandtat ruchbar wird und leitet, unterstützt von der Nachbarschaft, den endgültigen Ruin des Geschäfts ein. Das Ehepaar Teetjen endet, von allen isoliert, durch Selbstmord. Die Mächtigen und überzeugten Nazis, u.a. der Reeder und der Gefängnisdirektor, überleben.
Zweigs Geschichte ist in erster Linie ein politischer Roman, mit der Betonung auf Roman, und eine literarische Analyse des Nationalsozialismus. Aber warum schildert „Das Beil von Wandsbek“ die Stadt Hamburg als Hort der Toleranz, der Humanität und des latenten Widerstands gegen den Nationalsozialismus? Eine Mär, der auch Zweig im palästinensischen Exil aufgesessen ist. Auch aus dem scheinbar liberalen Hamburg wurden Tausende jüdischer Bürger in die Vernichtungslager deportiert, ganz abgesehen von politischen Gegnern, deren Schicksal Gegenstand des Romans ist.
Die von Zweig geschilderte Boykott-Aktion eines ganzen Stadtviertels gegen den Henker wirkt unwahrscheinlich. Die realen Verhältnisse im NS-Deutschland dürften kaum so beschaffen, der Widerstandswille der Bevölkerung keineswegs so stark ausgeprägt gewesen sein, wie es der Emigrant – zur Ehre der Deutschen – wünschen mochte. Zweig hat mit diesem Roman auch um Verständnis geworben für ein Volk, das den Machthabern „schuldhaft und schuldlos“ in den Abgrund folgte – wie es im letzten Satz des Buches heißt.
Doch das harmonisierende Element bleibt nicht das letzte Wort des Autors. Zweig hat noch einen Abgesang komponiert, mit ironischem Nachklang. 1938 laufen nämlich vier Schiffe den Hamburger Hafen an mit den Namen der hingerichteten Kommunisten. Tumult entsteht. Die Schiffe sollen gestürmt werden, aber die Besatzung verteidigt ihr Recht mit Waffengewalt, so dass sie nach Verrichtung des Ladungsgeschäfts die Stadt unbehelligt wieder verlassen kann.

s.a. mein Vortrag über Arnold Zweig mit Literaturangaben

zu Jonny Dettmer, s.a. Ingo Wille, Stolpersteine in Hamburg-Eilbek, Hamburg 2914, S. 84-86