KINDERTRANSPORTE AUS HAMBURG

Ohne Rückfahrkarte: Kindertransporte vom Altonaer Bahnhof

Der 14. Dezember 1938 ist ein nasskalter Tag. Ein Taxi hält auf dem Bahnhofsvorplatz. Die 16jährige Erika und ihre Eltern, der frühere Eimsbütteler Apotheker Paul Freundlich und seine Ehefrau Irma, steigen aus und finden sich am Treffpunkt beim Wartesaal der II. Klasse ein. Hier versammeln sich an diesem Mittwochmorgen bis zum späten Vormittag Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 3 und 17 Jahren und ihre Angehörigen.

Wenn ich heute durch die Halle des Altonaer Bahnhofs zur S-Bahn gehe, empfängt mich oftmals das Stimmengewirr von Schulklassen, bevor ich mich durch Grüppchen von Kindern, Eltern und Gepäckstücken drängen muss. Die Kinder, die im Spätherbst 1938 von hier abreisten, gingen nicht auf Klassenfahrt, sondern ins Exil nach England. Sie waren jüdisch oder galten nach der nationalsozialistischen Terminologie als Juden. Für die meisten Familien war es ein Abschied für immer. Zu Erika E., geb. Freundlich, einer der damals ausreisenden jüdischen Mädchen, habe ich seit 1992 Kontakt. Doch es hat sich erst seit kurzem ergeben, dass wir intensiver über ihre Ausreise aus Hamburg und die in England verbrachten Jahre sprechen konnten, zuletzt bei meinem Besuch im Mai 2009 in den USA.

Nach der sogenannten Kristallnacht, dem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung am 9. und 10. November 1938, entschloss sich die britische Regierung, jüdische Kinder in England aufzunehmen, um sie vor der nationalsozialistischen Verfolgung zu schützen. Die Abteilung Kinderauswanderung, eine Unterabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland mit Sitz in Berlin, organisierte in Absprache mit Hilfsorganisationen im Inland und in England die Ausreise. In Hamburg setzte der Jüdische Religionsverband die Pläne um.
Wir wissen nicht genau, wie viele Kindergruppen aus Hamburg abfuhren und wie groß die einzelnen Gruppen waren. Auch für diesen zweiten Kindertransport aus Hamburg sind keine genauen Zahlen angegeben. In der Literatur werden allgemein 40 bis 500 Kinder pro Transport genannt. Die Familien waren vom Jüdischen Religionsverband Hamburg über das Prozedere der Abreise informiert worden. Demnach sollten sich die Kinder in zwei Gruppen nacheinander im Bahnhof versammeln. An Gepäckstücken waren ein Koffer, ein Rucksack oder eine Aktentasche erlaubt. Die Reiseverpflegung sollte bis zum Nachmittag vier Uhr vorhalten, warmes Essen würde unterwegs ausgegeben. Ferner wurde den Familien empfohlen, den Kindern warme Kleidung anzuziehen und mitzugeben.
Spätestens seit dem Novemberpogrom musste die jüdische Bevölkerung um Sicherheit und Leben fürchten, so dass sich viele Eltern nun bereit fanden, sich von ihren Kindern zu trennen. Ein Ansturm auf ausländische Konsulate und die Beratungsstellen der Hilfsorganisationen setzte ein. Bevorzugtes Einwanderungsland wurde England, nachdem die britische Regierung am 23. November 1938 der Aufnahme von bis zu zehntausend Kindern zugestimmt hatte. Geplant war, vorerst fünftausend Kinder in kleineren Gruppen aufzunehmen, sie zunächst in Sommerferienlagern unterzubringen und durch Aufrufe Gastfamilien für sie zu suchen.
Innerhalb der jüdischen Gemeinden sprach sich diese Nachricht schnell herum. Zudem sprachen jüdische Lehrer gezielt ihre Schüler an und drängten sie zu emigrieren. Die ersten Kindertransporte kamen wohl vielerorts durch schnelle Entscheidungen zustande – trotz der umfassenden bürokratischen Maßnahmen: Fragebögen waren auszufüllen und Unterlagen einzureichen. Die Eltern mussten unterschreiben, dass sie dem Refugee Children’s Movement, der zuständigen und überkonfessionellen Hilfsorganisation in England, die Verantwortung für ihr Kind übertrugen. Nicht zugesichert werden konnten die Unterbringung in einem Haushalt mit derselben Konfession sowie langer Schulbesuch und eine Berufsausbildung. Dagegen wurde ein einvernehmliches Verhältnis zwischen Eltern und Pflegeeltern angestrebt, so dass die Eltern auf die Kinder nach wie vor Einfluss haben konnten.

Lotte Carlebach, Ehefrau des Hamburger und zuvor Altonaer Oberrabbiners Joseph Carlebach und Mutter von neun Kindern, steht noch ganz unter dem Eindruck des Abschieds von ihren beiden Kindern, als sie am 1. Dezember 1938 ihren Brief formuliert: „Heute ging der 1. geplante Kindertransport von hier ab, und zwar nach England. Wir haben – wirklich sehr kurz entschlossen – Buli und Judith mitgegeben. Am Sonntag hörten wir davon, am Montag habe ich sie, etwas zögernd noch, angemeldet, und heute Donnerstag, sind sie schon weg! .... der Torso der (Hamburger) Gemeinde... zur Hauptsache bestehend aus Dr. Plaut und Schwester Thekla haben großartig gearbeitet, dazwischen einige dringliche Anschaffungen im Rahmen der finanziellen und sonstigen uns erlaubten Möglichkeiten. .... Wir haben uns vorher... bestätigen lassen, dass sie in fromme Häuser kommen, denn so selbstverständlich ist das natürlich nicht gewesen...“
Die Ausreiseentscheidung war offenbar kurzfristig möglich gewesen. Da das in England angewandte Einwanderungsverfahren unter dem Eindruck der Pogromnacht gelockert worden war, konnten die Hilfsorganisationen nun Blockvisa erteilen und einen Teil der Kinder selbst auswählen, wenn sie die Garantie für deren Unterbringung übernahmen.

Auf dem Altonaer Bahnhof rückt der Zeitpunkt der Abreise näher. Dort wartet bereits der Zug mit den angehängten Extrawaggons für die Kinder. Trotz der Anweisung, nur ein Familienmitglied solle die Kinder verabschieden, ist die Angehörigen-Gruppe größer als erwartet. Die Reisebegleiter sind nervös, ebenso die beobachtenden Gestapo-Beamten. Möge der Zug nur schon fahren und nichts dazwischen kommen, hoffen die einen, und die anderen wünschen sich möglichst keine Zeugen aus der Bevölkerung, die sich von den emotionalen Abschiedsszenen rühren lassen und dem Staat die Verantwortung für das Auseinanderreißen der Familien anlasten. Ob Passanten Augenzeugen geworden sind, ist nicht bekannt.
Erika Freundlichs Vater schildert in einem Brief vom 19. Dezember 1938 die unverhoffte Schnelligkeit der Ereignisse sowie die Atmosphäre auf dem Bahnhof. „Ich kann es mir noch gar nicht so recht vorstellen, dass Erika nicht mehr hier sein soll. Das ging alles so plötzlich. ... Ihr könnt euch gar nicht vorstellen den Abschied, den Eltern und Kinder voneinander nahmen. Da sah ich drei kleine Kinderchen, das Jüngste mochte 5 Jahre alt gewesen sein und ihre Händchen in die der Geschwister, die vielleicht ein oder zwei Jahre älter waren, gelegt. Das Kleinchen wollte sich gar nicht von der Mutter trennen. Das ganze Bild, das die auswandernden Kinder zeigten, war bejammernswert. Arm und reich, alles zog mit diesem Transport ins Ungewisse. Sogar von der Familie Warburg waren 2 Kinder dabei. Ich habe schon viel in meinem Leben gesehen, ... aber kleinste Kinder, die von den Eltern wie zarte Blumen bis jetzt behütet worden, einem ungewissen Schicksal überlassen, aus der elterlichen Obhut entlassen, das war grauenerregend. Und bei alledem, es war am besten so für die Kinder...“ Soweit die Erinnerungen des Vaters.
Wie erlebte Erika Freundlich die Situation? Bei einem Besuch in Hamburg im Jahre 2002 schilderte sie in einem Interview für die Forschungsstelle für Zeitgeschichte ihre Erinnerungen: „Es war entsetzlich auf diesem Bahnhof, aber ich habe es nicht gemerkt. Mein Vater trug diesen blauen Mantel und wahrscheinlich auch einen Hut. Und er hat geweint, so viel geweint, und ich konnte es nicht ertragen... Ich habe niemals meine Mutter angeblickt, ich wollte sie nicht ansehen, vielleicht wird sie weinen, dann würde ich auch weinen. Ich war sehr gut, ich habe sie nicht angeguckt, ich habe nicht geweint, mein Vater hat geweint, und dann sind wir auf die Bahn gekommen; er hat mich gesegnet. Wir waren nicht erlaubt, zum Fenster zu gehen, closed train, ... eine geschlossene Bahn. Das war das letzte Mal, dass ich meine Eltern gesehen habe.“
Nun werden auf dem Altonaer Bahnhof die Türen geschlossen und der Zug setzt sich in Bewegung. Nächster Stopp: Hauptbahnhof. Weitere Kinder steigen zu. Erikas Großmutter Selma Beith ist aus Wandsbek gekommen, um sich von ihrer Enkelin zu verabschieden. Jahre später wird sich die Großmutter darüber beklagen, dass Erika nicht gewinkt hätte. „Aber wir Kinder haben uns nicht an den Zugfenstern zeigen dürfen“, erzählte mir Erika, die lange unter dem nicht gerechtfertigten Vorwurf der Großmutter gelitten hat.
Dann macht sich der Zug auf den Weg, um die verfolgten Kinder und Jugendlichen über die Staatsgrenze zu schaffen. Ihre Stimmung mochte von Trennungsschmerz und Furcht geprägt sein, denn bald schon würden sich die Kinder den Zollkontrollen stellen müssen. Doch vorerst bleibt noch Zeit zum Nachdenken. Bis vor kurzem war Erika Freundlich noch Schülerin in der Obersekunda der Talmud Tora Schule am Grindelhof. Ende November hatte eine Lehrerin sie beiseite genommen: „Eine Gruppe von Kindern wird bald nach England fahren. Du solltest deine Eltern fragen, ob sie dir erlauben mitzufahren. Du wirst die Chance haben, eine sehr viel bessere Ausbildung zu bekommen, als wir dir hier bieten können.“ Doch Erika hatte Bedenken. „Ich kann meine Eltern nicht verlassen, ich bin das einzige Kind zu Hause.“ Ihre älteren Schwestern aus der ersten Ehe des Vaters studierten bereits im Ausland. Gleichwohl war eine Auswanderung der einzigen Tochter ihrer Mutter wohl bisher nicht thematisiert worden. Als Erika ihren Eltern schließlich sagte, dass sie nicht mehr bleiben wolle, da eine gute schulische Ausbildung in Deutschland für jüdische Schüler nicht mehr möglich sei, blieb der befürchtete Widerstand aus. „Und sie haben alles für mich arrangiert.“ Dazu gehörte auch, dass Paul Freundlich für seine Tochter Abgaben in beträchtlicher Höhe an den Fiskus zu zahlen hatte. Es blieb alles in allem nur wenig Vorbereitungszeit, etwa zehn Tage. An einen längeren Abschied oder gar an eine endgültige Trennung dachte zu diesem Zeitpunkt wohl niemand. Vielmehr hoffte Erika Freundlich, wie sie mir in unseren Gesprächen mitteilte, dass nach ihrem Weggang auch ihre Eltern die eigene Auswanderung effektiver realisieren könnten.

Inzwischen hat der Zug die Grenze erreicht. Deutsche Zollbeamte verteilen sich in den Abteilen, um das Gepäck zu kontrollieren. Draußen hat sich ein holländisches Mitglied des Flüchtlingskomitees postiert, um die Prozedur zu überwachen. Der Zollbeamte zieht daraufhin ärgerlich die Jalousie herunter, so dass die Frau ihn nicht länger beobachten kann. Die eigentliche Kontrolle verläuft dann ziemlich oberflächlich. „Ich hätte unseren Familienschmuck in meinem Koffer haben können“, erinnert sich Erika fast ein wenig enttäuscht.
Nachdem der Zug die Grenze passiert hatte, kümmerten sich Helfer der örtlichen jüdischen Gemeinden um die Kinder. In Hoek van Holland bestieg die Gruppe die Fähre und setzte in einer Nachtfahrt über den Kanal. Das Reisen mit dem Schiff munterte die Kinder auf und das Übernachten an Bord gefiel ihnen. Die Gruppe erreichte am 15. Dezember 1938 die englische Küste in Harwich. Die Passkontrolle fand noch auf dem Schiff statt. Am Pier hatten sich zahlreiche Reporter und Fotografen eingefunden. Ihre Berichterstattung in den englischen Medien sollte Familien motivieren, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Wenn die Unterbringung bereits klar war, fuhren die Kinder nach London weiter. Das traf aber nur auf die Jüngsten dieser Gruppe zu, die Mehrheit der Kinder bezog in Dovercourt Quartier. „Ich war schon zu groß und man hatte keine Familie für mich arrangiert. Wir sind in ein Sommercamp gekommen ...“, erinnert sich Erika Freundlich. Im Aufnahmelager Dovercourt, zwei Kilometer vom Hafen Harwich entfernt, konnten bis zu sechshundert Kinder untergebracht werden. Die Zustände wurden allgemein negativ aufgenommen und erinnert, kein Wunder, wohnten die Kinder doch mitten im Winter in hölzernen Kabinen ohne Heizung, so dass sie sich im Gemeinschaftsraum um den einzigen Eisenofen drängen mussten, um sich zu wärmen. Zudem setzte an den Wochenenden eine Art „Pflegeeltern-Tourismus“ ein. Aufnahmewillige britische Eheleute erschienen, um sich die jüngsten und hübschesten Kinder auszusuchen. Besonders Jungen und ältere Kinder gehörten nicht zu den Bevorzugten. „Wir zogen unsere beste Kleidung an, versuchten nett auszusehen und hofften auf eine passende Unterbringung.“ Aufgrund dieses fragwürdigen Auswahlverfahrens blieb Erika Freundlich länger als andere in Dovercourt. Schließlich fand sie vorübergehend Aufnahme in einer Familie, dann in einer anderen, und so ging es weiter. Einer der Gründe für die Familienwechsel mochte darin bestanden haben, dass Erika aus einer religiösen Familie kam und an koschere Mahlzeiten gewöhnt war. Zudem erkrankte sie schwer und versuchte, nach Hamburg zurückgeschickt zu werden. Daraufhin setzte ihre Mutter bei den Behörden durch, dass sie die Pflegeeltern anrufen konnte, musste sich allerdings sagen lassen, was für ein undankbares Mädchen ihre Tochter sei. Irma Freundlich schrieb der englischen Familie und betonte in ihrem Brief, dass ihre Tochter kein schlechtes Kind, sondern wohl nur traurig sei. Als Erika wieder gesund war, kehrte sie in die Privatschule zurück, die sie schon vorher besucht hatte. Sie war dort sehr zufrieden und entwickelte sich zu einer ehrgeizigen Schülerin. „Meine Eltern sollten stolz auf mich sein.“ Doch weiteres Ungemach drohte. Sie sollte wie viele andere „feindliche Ausländer“ im Krieg auf der Isle of Man interniert werden. Die Direktorin ihrer Schule konnte eine Ausnahme erwirken, so dass Erika vorerst noch bleiben konnte. Im Juli 1940 musste sie die Mittelschule dann doch verlassen, da diese kriegsbedingt geschlossen wurde, und arbeitete ab Herbst 1940 im Büro der Jewish Agency for Palestine.

Mit den so genannten Kindertransporten wurden zwischen Ende November 1938 und dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 etwa zehntausend meist jüdische Kinder aus Deutschland und den von Deutschen besetzten oder bedrohten Staaten Österreich, Polen und der Tschechoslowakei vor allem nach England in Sicherheit gebracht. Der Krieg beendete jedoch die Auswanderung auf die britische Insel. Etwa zwei Jahre später verboten die deutschen Behörden die Auswanderung gänzlich. Vor allem junge Menschen hatten es geschafft, das Land zu verlassen. Bis 1939 waren 82% der Kinder unter 15 Jahren und 83% der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren ausgewandert. Aus Hamburg emigrierten etwa 1.000 Hamburger Kinder und Jugendliche.
Nach den Erinnerungen von Zeitzeugen haben drei bis vier Personen, oftmals aus dem pädagogischen Bereich, die Kindergruppen begleitet. In Hamburg übernahmen die Direktoren der beiden jüdischen Schulen, Dr. Arthur Spier und Dr. Alberto Jonas, diese Aufgabe. Den Begleitern der ersten Kindergruppen erlaubten die NS-Behörden nur die Mitfahrt bis zur deutschen Grenze. Später ließen sie die Begleitung bis nach Großbritannien zu, allerdings unter der Bedingung, dass die Begleiter wieder zurückkehrten.
Erika Freundlich erinnert sich, dass Lotte Carlebach und zwei ihrer älteren Kinder (vermutlich die Töchter Eva und Esther) ihre Gruppe am 14. Dezember 1938 bis zur niederländischen Grenze begleitet haben. Lotte Carlebach erwähnt in ihren Briefen, dass sie (im Juni 1939) einen Kindertransport begleiten würde. Sie blieb einige Wochen in London, wo sie ihre älteren Kinder besuchte und auch mit den Einwanderungsbehörden über die Aufnahme weiterer Kinder verhandelte. Schließlich kehrte sie zu ihrem Mann und ihren jüngeren Kindern nach Hamburg zurück. (Das Ehepaar Carlebach wurde im Dezember 1941 mit den Töchtern Ruth, Noemi und Sara und dem Sohn Salomon nach Riga deportiert. Von ihnen überlebte nur der Sohn. Ihre älteren fünf Kinder hatten die Carlebachs rechtzeitig in Sicherheit bringen können.)

Erika Freundlich stand mit ihren Eltern bis zum Kriegsausbruch in Briefkontakt. Danach erhielt sie noch Informationen von ihrer in Amerika lebenden Schwester Ingeborg über ihre Eltern, bis auch dieser Kontakt abbrach, als die USA 1941 in den Krieg eintraten. Den ersten Brief sandte Erikas Mutter am 14. Dezember gleich nach der Abreise ihrer Tochter nach Dovercourt: „Meine Süsse, willkommen in England! Ich hoffe, Du hast bei der Überfahrt Deinen gewohnten festen Schlaf benutzt, um keine Zeit für die Seekrankheit gehabt zu haben.
Nachdem wir uns nun in Altona u. am Hauptbahnhof genügend kalte Füsse geholt hatten, zogen wir mit Oma durch die Mönkebergstr., von wo sie dann zurückfuhr u. ich ging mit Papa seine verschiedenen Wege besorgen. Auf der Devisenstelle trafen wir Hellmuth’s Vater, u. sprachen mit ihm. Er fand es fabelhaft, dass Du heute mitgekommen bist... Deine Mutsch“ Die Korrespondenz zwischen Eltern und Kindern war seit Kriegsbeginn allgemein auf Postkarten mit höchstens 25 Wörtern beschränkt, die über das Rote Kreuz versandt wurden. Zudem wurde der Postverkehr von deutscher und alliierter Seite zensiert. Gleichwohl sollte der Briefwechsel vieles ersetzen. Die Eltern versuchten, weiterhin erzieherisch zu wirken und die familiären Bande zu pflegen. Die Briefe der Kinder mögen anfangs Erlebnisberichte gewesen sein, doch nach und nach schrieben die Kinder immer weniger und manchmal auch gar nicht mehr. Oftmals hatten sie auch kein Geld für Briefporto; erschwerend kam hinzu, dass die Elternbriefe kriegsbedingt manchmal erst nach Wochen ankamen, an Aktualität verloren hatten und sich Antworten deshalb erübrigten. Alles in allem wuchs die Entfremdung zwischen den Familienmitgliedern, ein Umstand, der von den vereinsamenden Eltern thematisiert wurde. So schilderte Oberrabbiner Carlebach in seinen Briefen, wie sehr er den geistigen Resonanzboden vermisste, den ihm seine erwachsenen Kinder geboten hatten.

Dass Irma und Paul Freundlich am 11. Juli 1942 von Hamburg nach Auschwitz deportiert wurden, erfuhr ihre jüngste Tochter Erika nicht. „Ich habe immer geglaubt, wenn der Krieg vorbei ist, werden wir uns wiedertreffen.“ Ihre älteren Schwestern dagegen waren über die Vorgänge in Hamburg informiert.
Einige Zeit nach Kriegsende in London erhält Erika Freundlich von einer Kollegin eine Zeitungsannonce, die im „Aufbau“ erschienen ist, einer deutschsprachigen New Yorker Zeitung, in der zu dieser Zeit unzählige Suchanzeigen von Hinterbliebenen aufgegeben werden. „Ich suche meine Eltern Paul Freundlich und Irma Freundlich, geb. Beith... Dankbar für jede Auskunft“, hat Erikas Schwester Hildegard inseriert. Erika Freundlich ist gezwungen, sich den unerträglichen Tatsachen zu stellen: „So habe ich das erfahren. Doch niemand hat sich auf die Anzeige gemeldet.“ Sie macht sich nun regelmäßig zum Suchdienst auf und sichtet die Listen mit den Namen der Lagerüberlebenden. Die Namen ihrer Eltern sucht sie jedoch vergeblich. „Jeden Tag bin ich dahin gegangen und habe davor gestanden und habe geweint und habe sie nie gefunden. Das war das Ende.“

Die Auseinandersetzung mit dem Verlust der Eltern erfolgte oftmals erst Jahre später. Neben Gefühlen der Dankbarkeit, von den Eltern gerettet worden zu sein, rief das Wissen um die Ermordung der Eltern auch Schuldgefühle hervor, sich nicht richtig verabschiedet, zu wenig geschrieben oder in Sicherheit überlebt zu haben. Aber auch Groll und Enttäuschung konnten sich unter die Trauer mischen, weil den Eltern die Auswanderung nicht gelungen war im Gegensatz zu anderen.
1946 übersiedelte Erika Freundlich in die USA, wo sie bald heiratete und eine Familie gründete. Gegenüber dem früheren Gastland England empfindet sie in erster Linie Dankbarkeit, stellt sich heute allerdings die Frage, warum es damals keine Möglichkeiten gab, auch die Eltern der Kinder aufzunehmen.
Astrid Louven


Paul, Irma, Erika Freundlich 1937




Publikation des Stadtteilarchivs Ottensens 2010, enthält u.a. den o.a. Text von mir zum Thema Kindertransporte vom Altonaer Bahnhof.

S.a. den von mir initiierten und von Vera Altrogge u.a. verfassten Artikel zu Kindertransporten aus Hamburg im Hamburger Abendblatt vom 22.12.2008: "Allein in die Fremde, um zu überleben" http://www.abendblatt.de