ANTIJÜDISCHER BOYKOTT

Der antijüdische Boykott am 1. April 1933 in Wandsbek
Nachdem die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt an sich gebracht hatten, begannen sie, ihr antisemitisches Parteiprogramm umzusetzen. Den Auftakt bildete der zum 1. April 1933 ausgerufene Boykotttag gegen jüdische Selbstständige. In Wandsbek kam es zum Boykott von Geschäften, Rechtsanwalts- und Arztpraxen.
Zwei Beispiele werden hier vorgestellt.

1) Bericht der Ärztin Henriette Necheles-Magnus über den antijüdischen Boykott am 1. April 1933 in Wandsbek
Vorbemerkung
Die Medizinerin Dr. Henriette Necheles-Magnus wurde 1898 in Berlin geboren. Seit 1908 lebte ihre Familie in Wandsbek-Marienthal. Nach dem Studium in Heidelberg und Freiburg kehrte sie in den Norden zurück und war seit Anfang der 1920er Jahre in Krankenhäusern in Hamburg und im Krankenhaus Wandsbek tätig. Nach Abschluss ihrer Ausbildung erhielt sie die Zulassung als Ärztin. Sie begann, Hausbesuche und Nachtdienste in den Stadtvierteln der ärmeren Bevölkerungsschichten durchzuführen; manchmal wurde das ‘Fräulein Doktor’ auch von einem Polizisten begleitet. Gleichwohl fühlte sie sich auf den nächtlichen Straßen Wandsbeks sicher, da die Bevölkerung sie bald kannte und ihr freundlich gesinnt war. In der Arbeiterschaft, insbes. unter den Arbeiterfrauen, war sie nach kurzer Zeit beliebt und anerkannt, wobei sich ihre gynäkologische Ausbildung als nützlich erwies. Als sie 1924 ihre Praxis in der Königstraße 74/75 (heute: Wandsbeker Königstraße) eröffnete, erinnerten sich viele, denen sie bereits zu Hause hatte helfen können, an sie und kamen – nachdem die praktische Ärztin die Zulassung zu den Krankenkassen erhalten hatte – als Patientinnen oder Patienten zu ihr.
Deren Bindung an ‘ihre’ Ärztin ging über das rein medizinische Anliegen hinaus. Als Henriette Magnus sich 1931 verlobte und bald darauf heiratete, befürchteten die Patienten, sie würde ihre Praxis aufgeben und nach Hamburg ziehen. Das geschah wenige Jahre später – allerdings nicht aus privaten, sondern aus politischen Gründen.
Aus dem Bericht der Henriette Necheles-Magnus über die Ereignisse am 1. April 1933:
‘ ... Als ich morgens zur Praxis kam, sah ich schon von weitem zwei stramme S.A.-Männer vor meinem Eingang stehen. Über der Tür klebte ein großes Plakat: Ein schwarzer Hintergrund mit einem leuchtenden gelben Fleck in der Mitte. Ich ging in meine Sprechstunde durch die Hintertür und setzte mich an meinen Schreibtisch. Zuerst musste ich meine weinende Einhüterin trösten. Ich bekam die Antwort: ‘Wir schämen uns so für unsere Volksgenossen!’ (ihr Mann war Werftarbeiter). Gegenüber war ein kleines Eiergeschäft, das von einer Jüdin geleitet wurde (ihr Mann war im Krieg gefallen), auch davor die beiden ‘Schutzengel’ . – Um 9 Uhr begann die Sprechstunde, 9h10 kam die erste Patientin, aufgeregt, schnaubend, dass man sie hindern wollte, zu ihrem Doktor zu gehen! ‘Sind wir in der Zeit der Christenverfolgungen??’ – 9h20 Lärm vor der Tür: ‘Wir wollen zu unserem Doktor.’ S.A.-Mann: ‘ Die ist ja gar nicht da, die hat sich gedrückt!’ Darauf geht mein Mädchen an die Tür: ‘Frau Doktor ist da. Sie sind nicht berechtigt, die Sprechstunde zu stören, Sie sind nur da, um zu zeigen, dass es ein jüdischer Doktor ist.’
So ging es weiter und weiter. Die Patienten kamen und kamen mit Blumen, mit kleinen Gaben: ‘Wir wollen Ihnen zeigen, was wir von dieser Politik halten.’ ‘Ich bin nicht krank, Doktor, ich komme um zu sehen, wie es Ihnen geht.’ Eine kleine Handarbeit, die ‘Boykottdecke’ liegt noch heute meinem Zimmer. Eine Patientin häkelte sie für mich in jenen Tagen, um mir ihre Zuneigung zu beweisen. – Nachmittags fing es an zu regnen (in Hamburg ist Aprilregen eine hässliche Sache). Unsere ‘Beschützer’ wurden unwirsch und fingen vor der Tür zu trampeln an, die Patienten fingen zu lachen an und schlugen ihnen vor, doch in die Kneipe zu gehen und Skat zu spielen. Glücklicherweise ging es ohne Zusammenstöße, denn einige meiner Patienten waren außerhalb des Wartezimmers richtige tough boys. Meiner Nachbarin auf der anderen Seite der Straße ging es genau so, sie sagte, sie hätte noch nie so viele einzelne Eier verkauft wie an diesem Tag, da die armen Leute nicht mehr Geld als zu einem Ei übrig hatten und doch irgendwie ihr das Gefühl des Zusammenhängens zeigen wollten. (Vermutlich handelte es um das Geschäft von Julia Teich A.L.) Es ging nicht überall so glatt und reibungslos ab. Der Inhaber eines Konfektionsgeschäftes in unserer Straße versuchte, die S.A.-Männer vom Blockieren des Einganges abzuhalten (die Vorschrift war, dass die Posten nur zur Warnung dastehen sollten.) Er wurde mit den Wachen in ein Handgemenge verwickelt und zog natürlich den kürzeren. (Gemeint ist vermutlich der Mitinhaber von ‚Geschwister Korn’, Herbert Kümmermann A.L.) Zu Todesfällen kam es in unserer kleinen Stadt nicht. Im ganzen war der Boykott unpopulär und wurde nach einem Tag abgebrochen, da die Bevölkerung noch an derlei Spektakel nicht gewöhnt war. Mein schöner gelber Fleck wurde von einem davon beleidigten Nachbarn abgemacht. Er kratzte ihn nachts heimlich ab (‘ Die arme Frau Doktor!’ )“
Nach der neuen gesetzlichen Bestimmung, wonach nur Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges ihre Praxis weiterführen konnten, sah sich die Ärztin gezwungen, ihre Kassenpraxis zum 1. Juli aufzugeben. Sie zog nach Hamburg, wo sie in der Praxis ihres Ehemannes privat weiter praktizierte (vermutlich Hallerplatz 1 A.L.).
Nach Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 wurde die Lage unerträglich; die Eheleute, die ein Kind hatten und ein weiteres erwarteten, entschlossen sich zu emigrieren. Das geschah 1936, nachdem alle Papiere für eine Übersiedlung in die USA beisammen waren.
Einen 29-seitigen biografischen Bericht über ihre Jahre in Deutschland, insbes. in Wandsbek und Hamburg, verfasste Henriette Magnus-Necheles in den USA und reichte ihn 1940 im Rahmen eines Preisausschreibens bei der Harvard Universität ein.
Die oben wörtlich zitierten Passagen sind der folgenden Publikation entnommen:
Wolf Gruner (Bearb.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Bd.1: Deutsches Reich 1933-1937, hrsg. im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Götz Aly, Wolf Gruner, Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber, Copyright Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008 S. 109 www.oldenbourg.de Der Verlag hat mir freundlicherweise die Genehmigung zur Veröffentlichung an dieser Stelle erteilt.


Blick in die Königstraße, re. Eckhaus "Geschwister Korn" (Heimatmuseum Wandsbek)

2) Foto vom Boykott: Der Arzt Ernst Heppner
Auch vor dem Wohnhaus des Dr. Ernst Heppner bezogen SA-Männer am 1. April 1933 Posten. Sie stellten ein Schild auf mit der absurden Parole: „Jüdischen Ärzten überlasset nicht deutsche Gesundheit!“ Ernst Heppner wollte diese gegen ihn gerichtete Maßnahme mit seinem Fotoapparat festhalten. Die SA-Männer wurden unsicher, verboten ihm schließlich, die Aufnahme zu machen. Da sprach der Arzt von dem Stolz, der sie als „Arier“ bei dieser Aktion im Auftrag der neuen Regierung doch erfüllen müsste. So eine Maßnahme sei es wert, festgehalten und nicht verboten zu werden. Deutsche Männer sollten zu ihren Taten stehen ...
Die SA-Männer haben sich überzeugen lassen. Ein wertvolles Zeitdokument ist auf diese Weise erhalten geblieben.
Ende April 1933 verloren jüdische Ärzte die Zulassung zu den Krankenkassen, Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges, zu denen auch Ernst Heppner gehörte, waren davon vorerst ausgenommen. Er hätte weiter praktizieren können, verzichtete jedoch ausdrücklich darauf, da er sich von der Nazi-Regierung keine Privilegien erteilen lassen wollte. Ohne KassenpatientInnen war der Niedergang der Praxis nur noch eine Frage der Zeit.
Nachdem die Familie ihr Haus hatte aufgeben müssen und nach Hamburg verzogen war, bereitete sie die Emigration vor. Da sie mittellos war, hatte sie noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden. Doch ihr Eintreten für die zionistische Sache, d.h. für den Aufbau eines jüdischen Staates, verhalf ihnen Ende 1934 zur Übersiedlung nach Palästina.
s.a.: Astrid Louven, Die Juden in Wandsbek, 1989/91, S. 169ff

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Boykott vor dem Haus Rennbahnstr. 48 (Bovestr. 44) (Foto: Privatbesitz)