VERFOLGUNG UND EMIGRATION

Im März 1938, kurz nach der Annektion Österreichs, drangen Nazi-Schergen in die Wohnung der Familie Freud ein. In dieser prekären Situation bat Martha Freud den vor der Wohnungstür wachestehenden Posten, Platz zu nehmen, da es ihr unangenehm war, in ihrem Haus einen Fremden stehen zu sehen. Dadurch entstand eine Verlegenheit, die sich noch bestärkte, als sie vor den zwei Männern, die das Eßzimmer gestürmt hatten, ihr Haushaltsgeld mit den Worten auslegte: »Wollen die Herren sich nicht bedienen?« -- so als böte sie ihnen etwas zu essen an.

Bei der zweiten Haussuchung überraschte Martha Freud einen SA-Mann beim Plündern ihres Wäscheschrankes. Sie wies ihn, ohne Angst zu zeigen, indigniert zurecht, beschwerte sich -- ganz die gute Hausfrau -- über sein schockierendes Benehmen im Hause einer Dame und befahl ihm, damit aufzuhören. Der Mann zog sich erschrocken zurück, und Martha Freud räumte ihre Sachen wieder ein.
Wenig später emigrierte die Familie nach London. Freud berichtete von dort: »Meine Frau ist gesund und siegreich geblieben«. Er fand ohnehin, daß sie sich von den drei weiblichen Hausgenossen am schnellsten angepaßt hatte, als sei sie 27 und nicht 77 Jahre alt.
Sigmund Freud erlag am 6. September 1939 seinem langjährigen Krebsleiden. Martha Freud verbrachte die Tage nun meist zurückgezogen auf ihrem Zimmer, las und knüpfte wieder an ihre Jugendzeit an. Sie schrieb Gedichte zu Familienereignissen und den jüdischen Feiertagen, die sie nun wieder beging. Während ihrer Ehe war die Religion von einer stärkeren Macht verdrängt worden. »Meine Mutter hat an meinen Vater geglaubt, nicht an die Psychoanalyse«, erinnerte sich Anna Freud.

Martha Freud hat die traditionelle Rolle der Ehefrau stets erfüllt und sie nicht in Frage gestellt. Rückblickend definierte sie ihr Leben an Freuds Seite als ein Privileg, sich in all diesen Jahren um »unser teures Oberhaupt« zu kümmern und von »ihm die Misere des Alltags fernzubalten«.
Am 2. November 1951 starb Martha Freud nach längerer Bettlägerigkeit im Alter von neunzig Jahren in ihrem Londoner Haus in 20, Maresfield Gardens. Ihr Tod wurde von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Jones widmete ihr einen kurzen Nachruf im Internationalen Journal für Psychoanalyse.

Den Schluß des Lebensbildes der Martha Freud soll eine Episode über die beiden stickenden Schwestern aus Hamburg abrunden: »Eine Weile herrschte absolute Stille, die dann plötzlich nur durch zwei Worte unterbrochen wurde: meine Großmutter sagte zum Beispiel: Die Pappenheim. Dann nichts, nur weiter Stille, Tante Minna nickte ...«. Offenbar war Martha Freud über ihre berühmt gewordene Jugendfreundin stets auf dem Laufenden, Bertha Pappenheim, die ihre Religion nicht aufgegeben und Psychoanalytiker nicht mehr in ihrer Nähe geduldet hat.

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Berggasse 19 das Wohnhaus der Freuds in Wien -- in heutiger Zeit.