FAMILIENPHASE II UND PSYCHOANALYSE

Sigmund Freud liebte seine Familie und hätte ohne sie nicht leben können. Gleichwohl war er ein Vater auf Distanz, von dem seine Kinder nicht viel sahen, ein Vater, der sich in den »Schonpark seiner wichtigen Arbeit« zurückzog. In den Sommerferien nahm er sich Zeit für die Familie, sammelte mit den Kindern Pilze und unternahm Wanderungen mit ihnen. Ehe sich Konflikte aufbauen konnten, war er jedoch schon wieder weg.
Dem fernen Vater stand eine undramatische Mutter gegenüber. Martha Freud versuchte auch in der Kindererziehung Konflikte und Katastrophen kleinzuhalten. Die Kinder empfanden ihr Umgehen mit ihren Bedürfnissen manchmal als rigide. Als ihr Sohn Martin sich auf der Schaukel den Kopf aufgeschlagen hatte, unterbrach sie ihre Näharbeit nur, um dem Kindermädchen Anweisung zu geben, den Arzt zu rufen, ohne Anzeichen von Schrecken -- oder Mitleid. Anna Freud beurteilte ihre Mutter als eine Frau, die keine Regeln achtete, sondern nach ihren eigenen lebte, wobei offen bleibt, ob ihr Urteil auch außerhäusliche Angelegenheiten betraf.





Freud mit Martha und Minna

Viele Besucher waren von Martha Freud beeindruckt, wie die Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salome:
»Das habe ich auch an Frau Freud so bewundert, daß sie (...) das Ihrige erfüllt, immer bereit in Entschiedenheit und Hingabe, [ ...] weit entfernt von überheblicher Einmischung in des Mannes Aufgaben [ ...] Durch sie sind sicherlich die sechs Erziehungen sehr psychoanalysenfremd geblieben; doch ist das von Freuds Seite gewiß nicht bloß Gewährenlassen gewesen, sondern [ ... ] etwas gefiel ihm auch daran, sein Hauswesen in dieser Ferne von offenbaren Konfliktsituationen zu wissen; etwas daran gefiel ihm an seiner eigenen Frau, (...) ich bin nachdenklich über diese Dinge, bei denen wir 'frei' und 'familiengebunden' (...) falsch unterscheiden. Erst ein Gran 'Ungesundheit' stört gewöhnlich die [ ...] Harmonie der Freiheit und Sozialität.

Die vielgerühmte harmonische Atmosphäre in der Freud-Familie war darauf zurückzuführen, daß die Eheleute im Alltag ihre Aufgabenbereiche voneinander getrennt hielten. Freud benutzte seine Familie nicht als psychoanalytisches Experimentierfeld. Martha Freud beschränkte sich darauf, die Rahmenbedingungen für seine Arbeit zu schaffen.
Der Beitrag Martha Freuds erscheint dabei wenig spektakulär und quasi selbstverständlich. In ihrer Persönlichkeit lag jedoch ein wichtiger Beitrag für das Gelingen der Ehe -- im Sinne von Jones' Einschätzung: »Sie besaß eine voll entwickelte, ausgeglichene Persönlichkeit, die das höchste Kompliment des Psychoanalytikers verdiente; sie war 'normal'«. Doch auch in der gut funktionierenden Freud-Familie kam es zu Problemen, zu denen auch Martha Freud beitrug. Sie hatte -- auch ein Ausdruck des »Normalen« -- ihre Lieblingskinder: Oliver und Sophie. Darauf reagierte besonders die jüngste Tochter Anna mit Protest, die sich als »Kleine« ohnehin oft zurückgesetzt fühlte.

Einen Ausgleich zu ihren Familienpflichten fand Martha Freud in den Reisen, die sie Ende der 1890er Jahre mit Freud allein nach Italien unternahm. Später reiste sie zu ihren verheirateten Kindern nach Berlin und Hamburg oder besuchte Freuds Freunde und Anhänger/innen. Eine gewisse Entschädigung für ihre unermüdliche Arbeit im Dienste des Unternehmens Psychoanalyse fand sie in Freuds zunehmenden Ruhm, den sie ab 1902 als »Frau Professor« genoß.



Freud, der schon als Verlobter Marthas Aufstiegsorientiertheit erkannt hatte, schrieb anläßlich der Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag: »Meine liebe Frau, die im Grunde sehr ehrgeizig ist, hat sich von allem sehr befriedigt gezeigt«, während er selbst und seine Tochter Anna die Anteilnahme der Öffentlichkeit als lästig und peinlich empfunden hatten.
Die 1920er Jahre waren gekennzeichnet durch familiäre Katastrophen. Die in Hamburg verheiratete Lieblingstochter Sophie Halberstadt starb an Grippe. Martha Freud, die selbst eine langwierige Lungenentzündung durchgemacht hatte, erholte sich nach diesem Schicksalsschlag umso schwerer.

1923 wurde bei Freud Krebs diagnostiziert.Er mußte sich in den folgenden Jahren vielen Operationen unterziehen, litt unter starken Schmerzen und war auch mehr und mehr am Sprechen gehindert. Seine Tochter Anna, die Freud zur Analytikerin ausgebildet hatte, übernahm seine Pflege und überwachte eifersüchtig den direkten Zugang zu ihm, was zu Problemen mit ihrer Mutter führte. Martha Freud hatte ohnehin schon registriert, daß »in dem einst lieben Kind die Härte zum Vorschein« gekommen war. Ferner kritisierte sie, die als korrekte Bürgersfrau stets auf eine damenhaft dezente Erscheinung Wert legte, die Reformkleidung und die Frisur ihrer Tochter. Hintergrund für ihre Kritik an Anna dürfte über den Generationskonflikt hinaus ihre Befürchtung gewesen sein, überflüssig und von der Seite Freuds verdrängt zu werden.

Martha Freud nur als treusorgende Hausfrau und Gattin darzustellen, greift jedoch zu kurz. Ihre selbständige, klar urteilende, durchsetzungsfähige Persönlichkeit, die auch über die Konvention hinausgehen konnte, hat sie schon während ihrer Verlobungszeit gezeigt. Sie ist ihr in der Ehe nicht abhanden gekommen, vielmehr zeigte sie in politisch brisanten Situationen auch Zivilcourage.
Als im Wien der Jahrhundertwende Studenten verhaftet wurden, ermahnte das Kindermädchen Martin Freud, nicht hinzusehen, da die Verhafteten »Kriminelle« seien. Martha Freud widersprach dieser Ansicht, meinte vielmehr, daß jemand, der aus politischen Gründen verhaftet werde, sehr wohl ein nobler Charakter sein könne. Martha Freud zeigte sowohl ihr Herz für einen Rebellen als auch eine klare politische Orientierung.

weiter: Verfolgung und Emigration

Weiter...