MINNA BERNAYS: DIE SCHWESTER AN IHRER SEITE

Minna, die nach dem Tod ihres Verlobten unverheiratet geblieben war, bei ihrer Mutter gelebt und als Gouvernante gearbeitet hatte -- eine offenbar finanziell bedingte Notlösung -- hatte nun eine Perspektive und eine Familie. Martha Freud erhielt durch ihre Schwester Entlastung von den häuslichen Pflichten. Minna half nicht nur bei den Kindern, sie war auch eine gleichrangige Ansprechpartnerin. Darüber hinaus stärkte sie Marthas Position gegenüber Freuds besitzergreifender Mutter und seinen Schwestern, die jeden Sonntag zum Abendessen kamen. Minnas Fähigkeiten wie ihre Belesenheit, ihre Diskussionsfreudigkeit und ihre Epigramme fanden auch bei Gästen und Besuchern Anklang, so daß Martha in ihrer Rolle als Gastgeberin ebenfalls Unterstützung zuteil wurde. Minnas Eigenschaften kamen auch Freud zugute, insbesondere ihr Interesse für sein Arbeitsgebiet. Er schrieb später, daß während seiner einsamen und isolierten Phase nur sein Freund Fließ und seine Schwägerin Minna an ihn geglaubt hätten.
Mit zunehmender Berühmheit Sigmund Freuds, die stets auch von Anfeindungen begleitet gewesen war, entstand das Gerücht -- offenbar auch vor dem Hintergrund seines Forschungsgegenstandes -, Freud hätte ein Verhältnis mit seiner Schwägerin Minna, zumal er kurze Reisen mit ihr unternahm. Daß Martha für ihren Mann alles tat, ihn nahezu anbetete, war Ausdruck ihrer tiefen Wertschätzung für ihren Mann, aber Bestandteil der bürgerlichen Familienmoral, die jedoch eine so unkonventionelle Konstellation wie eine (offene) Ehe zu Dritt ausschloß. Martha hätte vermutlich ihre Schwester geopfert, um ihre Ehe zu retten. Minna blieb aber bis an ihr Lebensende ein Mitglied der Familie. Darüber hinaus standen sich die Schwestern sehr nahe. Anzeichen für Eifersucht zwischen ihnen sind in der Literatur nicht dokumentiert. Martha konnte offenbar auch akzeptieren, daß Minna einen leichteren Zugang zu Freuds Arbeitsgebiet hatte.
Und Freud selbst? Er fühlte sich zwar von »männlichen« Frauen angezogen, zu denen Minna wohl gehörte, jedoch eher intellektuell, weniger erotisch. Jones stellte sogar dar, daß Freud »ungewöhnlich monogam« und seiner Frau eine Zeitlang beinahe »hörig« gewesen sei. Anscheinend war er auf die Familienmutter Martha fixiert. Das zeigen seine Briefe, besonders die, die er ihr von seinen Reisen schrieb.
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