FAMILIENPHASE I UND PSYCHOANALYSE
Mutterschaft und Krisen

Sie orientierte sich auch in der Frage der Kinderzahl an der Norm ihrer Zeit. Sie hatte sich nur drei Kinder gewünscht, 1893 waren es bereits fünf. Die Kinder wurden ausnahmslos nach Freuds Freunden und Mentoren bzw. deren Ehefrauen benannt. Über die im Hause des »aufgeklärten« Arztes und Sexualwissenschaftlers Freud praktizierte Empfängnisverhütung ist nichts direkt dokumentiert. Freud, der die neurotisierende Wirkung des Coitus interruptus bei seinen Patienten beiderlei Geschlechts festgestellt hatte, erwähnte -- in einem wissenschaftlichen Zusammenhang -- seinem Freund Wilhelm Fließ gegenüber die Unpraktibilität von Kondomen.

Nach der Geburt ihrer Tochter Sophie im Jahre 1893 nahm Martha die Sache selbst in die Hand. Sie führte die sicherste Form der Empfängnisverhütung ein: die Abstinenz. Daß das Gefühl »zunächst ein Jahr kein Kind zu erwarten«, sie wiederaufleben ließ, registierte auch Freud .

Marthas zunehmende Belastung durch die Kinder und ihre Krankheiten, Freuds Selbstbezogenheit, die ihren Höhepunkt in seiner Selbstanalyse fand, sein hohes Arbeitspensum, das ihn eigentlich nur zu den Mahlzeiten erscheinen ließ, sowie sein »exotisches« Forschungsgebiet, das (noch) nichts einbrachte, blieb nicht ohne Auswirkungen, die Anfang bis Mitte der 1890er Jahre möglicherweise zu einer gewissen Entfremdung zwischen den Eheleuten führte. Freud berichtete Fließ von Marthas Schreiblähmung, später kamen Magenbeschwerden und Migräneanfälle hinzu, offenbar Symptome ihrer Überlastung. Freud selbst litt unter Brustschmerzen und Herzstörungen, die er aber vor Martha verheimlichte. In jener Zeit hatte sich auch deutlich gezeigt: Martha war nicht seine Vertraute und schon gar nicht seine Gefährtin »auf seinem langen und einsamen Weg zur Psychoanalyse«. Hatte Freud mit seiner Frau anfangs noch seine Fälle besprochen, so zeigten sich nun die Grenzen der traditionellen Geschlechterrollen. Nicht, daß Martha intellektuell unfähig gewesen wäre, die Forschungen ihres Mannes zu verstehen, aber als bürgerliche Frau war sie auch streng gegenüber gewissen Abweichungen von der Norm. Zwar hatte sie einen »Rebellen« geheiratet, in erster Linie jedoch einen Arzt. Daß dieser sich nun daran machte, eine Revolution auszulösen, indem er die menschliche Sexualität, quasi »eine Art Pornographie«, zur Wissenschaft erhob und über Perversionen, Masturbation, Unlustsubstanz, Lustüberschuß, erogene Zonen arbeitete, um nur einige Begriffe zu nennen, die auch die Grundlage seiner Patientengespräche bildeten, könnte ihr befremdlich erschienen sein und sie in ihrem Entschluß bestärkt haben, sich aus seinem Arbeitsgebiet herauszuhalten und anderen den Bereich zu überlassen. Diese Entscheidung fällen, akzeptieren und offenbar problemlos danach handeln zu können, macht Martha Freuds Beitrag zur Entwicklung der Psychoanalyse deutlich. Sie trat bewußt in den Hintergrund, ohne die Integrität ihrer eigenen Persönlichkeit -- oder die der anderen zu verletzen.
Nach der Geburt der Tochter Anna im Jahre 1895, das auch als Geburtsjahr der Psychoanalyse gilt, verbesserten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse. Freud konnte nun die Preise diktieren.
Wenige Monate später zog Marthas Schwester, Minna Bernays, zur Familie in die Berggasse 19. Sigmund Freud hatte sich von jeher mit seiner Schwägerin gut verstanden und von Anbeginn der Verlobungszeit auch mit ihr korrespondiert. Minna Bernays war nämlich die Verbündete des Paares gegen die strengen Gesetze der Emmeline Bernays gewesen. Sie war offenbar auch konfliktbereiter als Martha, jedenfalls hatte sie sich mit ihrer Mutter auseinandergesetzt, was Freud seiner Verlobten auch vorgehalten hatte. Daß Minna Bernays in die Berggasse zog, erwies sich für alle Beteiligten als vorteilhaft.

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