HOCHZEIT
Die "Vermälten"

Am Montag, den 13. September 1886, war es endlich soweit. Sigmund Freud und Martha Bernays heirateten im Rathaus an der Königstraße in Wandsbek. Der Standesbeamte wunderte sich, daß die junge Frau ohne zu zögern mit ihrem neuen Familiennamen unterschrieb. Das Ende der Verlobungszeit hatte sich bereits abgezeichnet, als Freud nach seinem Pariser Studienaufenthalt in Wien eine Praxis als Nervenarzt eröffnet hatte.
Der Hochzeitstermin konnte aber erst festgesetzt werden, nachdem Geldgeschenke von Verwandten der Braut sowie großzügige Anleihen und Geschenke reicher Freunde eingetroffen waren.
Seine heftige Abneigung gegen die jüdische Hochzeitszeremonie nützte Sigmund Freud nichts, und Martha Bernays praktizierte zum letzten Mal ihre Religion; das Paar wurde am 14. September 1886 unter der Chuppa, dem traditionellen Hochzeitsbaldachin, vom Wandsbeker Rabbiner Dr. David Hanover getraut -- weil die österreichischen Gesetze es so vorschrieben. Marthas Onkel, Elias Philipp, hatte Freud noch in der Nacht vor der Zeremonie die Hochzeitsgebete gelehrt. Die religiöse Trauung fand ganz im Sinne der jüdischen Tradition an einem Dienstag im Hause der Brautmutter in der Hamburger Str. 38 in Wandsbek statt.
Am Hochzeitsessen in Hirschel's Hotel in der Wexstraße in Hamburg nahmen vierzehn Personen teil. Ein Hochzeits-Gedeck kostete 6 Mark und bestand aus: Gemüsesuppe, Pastete, Fischsalat, Rinderfilet, Erbsen und Spargel als Beilagen sowie Gänsebraten und Kompott. Auf den Serviettenringen befand sich das Hochzeitsfoto des Paares.

Nach Beendigung der Hochzeitsreise in Lübeck und Travemünde, traf das Ehepaar am 1. Oktober 1886 in der Wiener Maria-Theresien-Str. 8 ein. Martha war 25, Sigmund Freud 30 Jahre alt. Eine über fünfzigjährige harmonische Ehe begann. Zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Eheleuten kam es kaum. Martha hatte während der Verlobungszeit ihre Lektion gelernt, so daß Sigmund Freuds Bedürfnisse in der Ehe stets Vorrang hatten. Sie erfüllte die Rollenerwartungen nahezu vollkommen, nach denen die Ehefrau den Mann nicht langweilen und lähmen sollte, sondern »mit Verständnis seiner Interessen und der Wärme des Gefühls für denselben zur Seite stehe [möge]«. Die verständnisvolle und perfekte Hausfrau und Mutter Martha Freud belästigte ihren Mann nicht unnötig mit ihren Problemen. Sie akzeptierte die traditionelle Rollentrennung und nahm sich -- wenn die Bereiche sich einmal berührten, ganz zurück, wie schon Freud nach der Geburt ihres ersten Kindes seiner Schwiegermutter und Schwägerin nach Wandsbek berichtet hatte:

»Sie war so brav, so tapfer und liebenswürdig die ganze Zeit über. Nicht ein Zeichen von Ungeduld und übler Laune, und wenn sie schreien mußte, entschuldigte sie sich immer vor Arzt und Hebamme [ ...] Ich habe jetzt dreizehn Monate mit ihr gelebt und immer mehr meine Kühnheit gepriesen, die mich um sie werben ließ [ ...] habe sie aber noch nie [so] großartig in ihrer Echtheit und Güte gesehen, wie bei diesem schweren Anlaß, der doch keine Verstellung zuläßt«.

Aus Freud sprachen wieder einmal Bewunderung und (Ehr-)Furcht für die kontrollierte Stärke seiner Frau, die sich in dieser Situation als so »unhysterisch« erwiesen hatte. Er wird sich im weiteren Zusammenleben daran gewöhnen, daß Martha Freud die schnell wachsende Familie quasi lautlos um ihn herum organisierte, so daß er in seiner Arbeit nicht unnötig unterbrochen wurde und zum unumstrittenen Mittelpunkt der Familie werden konnte.
Die ersten zehn Ehejahre waren durch eine schnell wachsende Familie und geringe Einkünfte gekennzeichnet. Neben seiner Arbeit als Nervenarzt, die der Familie die Existenzgrundlage schuf, hatte sich Freud wieder der Forschung zugewandt. Er arbeitete an den »Studien über Hysterie« und begann nach einer wissenschaftlichen Grundlage zu suchen, auf der seelische Konflikte darstellbar gemacht werden konnten. Freud arbeitete oft bis zu 18 Stunden am Tag, so daß auf Martha alle Familienpflichten lasteten. Sie war dafür verantwortlich, daß die Einkäufe erledigt wurden, die Mahlzeiten pünktlich auf den Tisch kamen, wie ihre Tochter Anna später sagte -- mit zwanghafter Regelmäßigkeit, sie wies die Dienstboten, die Amme, das Kindermädchen, die Gouvernante an. Sie unterhielt die Gäste -- später die Besucher und Kollegen Freuds. Martha Freud führte einen gutbürgerlichen Durchschnittshaushalt.

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