ZWISCHEN WANDSBEK UND WIEN
Trennungsschmerz und Geduldsproben

Die Übersiedlung nach Wandsbek im Sommer 1883, die Emmeline Bernays durchsetzte, obwohl ihre beiden Töchter in Wien verlobt waren nahm Freud zum Anlaß, seiner Braut vorzuwerfen, nicht genug dagegen protestiert zu haben. Zudem argwöhnte er, daß für sie der Wille ihrer Mutter maßgeblicher gewesen wäre als sein Bedürfnis, sie in Wien bei sich zu haben. Denn Sigmund Freud brauchte Martha, hatte sie doch ohnehin sein Selbstbewußtsein von Anbeginn an aufgebaut, »den Glauben an meinen eigenen Wert erhöht und neue Hoffnung und Arbeitskraft mir geschenkt« und auch längst Freuds beruflichem Werdegang »Ziel und Richtung« gegeben. Wenige Monate nach der Verlobung hatte er seine wissenschaftliche Forschungstätigkeit aufgegeben und war Aspirant am Allgemeinen Krankenhaus in Wien geworden, um die erforderlichen Voraussetzungen für seine Niederlassung als Arzt -- und Familiengründer -- zu erbringen.

Besonders schmerzlich empfand es Freud, daß seine Geldmittel meist nicht dazu ausreichten, Martha in Wandsbek besuchen, geschweige denn, ihr ein Geschenk machen zu können. Erst 1885 konnte er ihr ein silbernes Armband schenken.

Viel besser war dagegen Eli Bernays, Marthas Bruder, gestellt. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und hatte 1883 Freuds älteste Schwester Anna geheiratet. Wenige Monate vor Freuds Hochzeit löste Eli Bernays die schwerste Krise der Verlobungszeit aus, als Freud herausfand, daß Marthas Geld von ihrem Bruder verwaltet und angelegt worden war. Dieses Verfahren war anläßlich der Erbschaft aus dem Nachlaß von Marthas Onkel Jacob Bernays, aus dem die drei Geschwister insgesamt etwas über 4.000 Mark erhalten hatten, vereinbart worden. Eli hatte die Summe gemeinschaftlich in sogenannten »Loosen«, Anteilen an Kommunalobligationen, angelegt. Möglicherweise war Freud darüber nicht informiert gewesen. Eli gab nun an, die Papiere nicht sofort verkaufen zu können. Freud glaubte ihm nicht, befürchtete das Schlimmste, beschuldigte Eli, den Betrag für sich verbraucht zu haben und befahl Martha, das Geld sofort zurückzuverlangen und mit dem Bruder zu brechen. Martha, die ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Bruder hatte, weigerte sich jedoch. Ein Einlenken schien nun von keiner Seite aus mehr möglich, die Hochzeit und die Verbindung insgesamt auf dem Spiel zu stehen. Schließlich setzte Freud sich mit Marthas Bruder auseinander, der daraufhin zahlte. Freud hatte vermutlich auch deshalb so heftig reagiert, weil er Eli Bernays' Lebenswandel mißbilligte und befürchtete, daß sich wiederholen könnte, was dessen Vater widerfahren war: die Insolvenz.

Marthas unerschütterliches Durchhaltevermögen während der langen Verlobungszeit basierte sicherlich auf ihrem tiefen Gefühl, ihrer Liebe und Bewunderung für Sigmund Freud. Zudem wiesen die Verlobten -- bei allen anfänglichen Meinungsverschiedenheiten -- viele Gemeinsamkeiten auf, die sich aus der Stellung ihrer Familien und aus ihrem Ziel, eine solide bürgerliche Existenz aufzubauen, ergaben.
Darüber hinaus hatte Freud (Frauen-) Faszinierendes zu bieten. So signalisierte er, daß er Marthas Stärke zur Stabilisierung brauchte, aber auch, daß er kämpfen konnte. Freud war schon in der Schule ein »Oppositionsmann«, ein Rebell gewesen. Daß Freud seine Interessen vertreten würde, hatte er seiner Braut in seinen eifersüchtigen Attacken gegen ihre Familie und ihre Freunde gezeigt. Daß er ein »aufgeklärter«, liberaler Protestler war, machte seine kompromißlose Ablehnung der Religion deutlich, die sich auch gegen die orthodoxe jüdische Elterngeneration richtete, Freud war -- auch als engagierter Naturwissenschaftler -- ein moderner Mann. Ich vermute, Martha Bernays sprachen diese Eigenschaften an. Daß er sie brauchte, rührte an ihre fürsorglichen und mütterlichen Züge, mit seinen Kämpfen dürfte er in mancherlei Hinsicht auch ihre Interessen vertreten sowie ihr das Gefühl gegeben haben, beschützt zu werden. Bei allen Schwierigkeiten der Verlobungszeit hatte Martha doch auch die Erfahrung gemacht, daß sie sich mit ihm arrangieren konnte. Daß Hunde, die bellen, nicht beißen, hatte Freud ohnehin schon für sich selbst erkannt. Den soliden bürgerlichen Rahmen würde er jedenfalls nicht sprengen, er strebte ihn ja geradezu an.

Auch in der Wahl seiner Braut könnten sich Züge unbewußten Protestes gezeigt haben. Freud, der aus Mähren stammte und Wien nicht mochte und dort später auch wenig Beachtung fand, heiratete eine ganz unwienerische Frau; eine etwas spröde, strenge, Fremden gegenüber zurückhaltende Hamburgerin, die zeitlebens ihr Hochdeutsch beibehielt, obwohl sie oft nicht verstanden wurde. Sogar Freud hatte anfangs seine Schwierigkeiten: »Tut mir leid, Dein Hamburgisch nicht verstanden zu haben«, schrieb er ihr eines Tages. Neben ihrer Sprache stärkte Martha Freud das deutsche Element in der Familie durch ihre Pünktlichkeit, Disziplin und emotionale Kontrolliertheit und traf damit vermutlich auf die Zustimmung Freuds.
Der Psychoanalytiker Hans Sachs hatte beobachtet: »Weder sie noch ihre Schwester [Minna] [machten ...] jemals die leiseste Konzession an den Geist und Lebensstil von Wien; nach einem Aufenthalt von 50 Jahren in Wien sprachen sie das »reinste« Deutsch, für das Hamburg berühmt ist. In Wien hingegen [ ...] wirkten die beiden Damen [ ...] als Fremde [ ...] Das wurde nicht nur durch ihre Sprache betont, sondern [ ...] durch manche kleine Eigenheiten und Gewohnheiten, so daß der Haushalt (...] exterritorial wirkte, etwa wie eine Insel ... «.

Freud blieb schließlich der Rebell. Indem er die anfangs angefeindete und umstrittene Psychoanalyse begründete, riskierte er, sich mit der Ärzteschaft und dem Establishment Wiens zu überwerfen und gesellschaftlich geächtet zu werden.

Daß Freuds Lebenswerk, die Psychoanalyse, schließlich seiner Frau fremd blieb, war zwar auch auf deren revolutionäre Inhalte, in erster Linie jedoch auf die traditionelle Trennung zwischen den Arbeits- und Interessengebieten von Mann und Frau zurückzuführen. Martha Freuds Bereich waren die Familienpflichten. Blieb ihr noch Zeit für andere Tätigkeiten, dann widmete sie sich der Literatur und den Handarbeiten.

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