FREUDS RIVALEN
Freud und die Religion

Da er Atheist war und Martha aus orthodoxem Elternhaus stammte, stellte sich der nächste Konflikt bald ein. Marthas Mutter, eine intelligente, gebildete Frau, trug noch den »Scheitel«, die traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Frauen. In der Familie Bernays wurden die Speisegesetze und die Sabbatruhe eingehalten sowie die jüdischen Feste begangen.

Martha nahm auf die religiösen Gefühle ihrer Mutter Rücksicht -- und teilte sie als gehorsame Tochter vermutlich auch. Darüber ärgerte sich Freud, er warf ihr vor, sie sei »schwach«, weil sie sich ihrer Mutter nicht widersetzte. Als Martha krank war, riet er ihr gut zu essen, »wenn nötig heimlich«, womit er die Umgehung der Speisegesetze meinte. Bereits zwei Wochen nach der Verlobung hatte er ihr prophezeit, »was für eine Heidin aus Martha noch werden wird« So geschah es auch, ganz in seinem Sinne.

Die Hochzeitszeremonie nach jüdischem Ritus kam nur zustande, weil die österreichischen Gesetze dies noch vorschrieben. Am ersten Sabbat nach der Hochzeit verbot Freud seiner Frau, die Sabbat-Kerzen anzuzünden, was sie als besonders schmerzlich empfunden haben soll. Es gab fortan Weihnachtsgeschenke, und Freud schickte seinen Freunden Grüße zum christlichen Neujahrsfest. Ihre Kinder haben nie eine Synagoge besucht noch Religionsunterricht erhalten. Auch die jüdischen Speisegesetze kamen nicht mehr zum Tragen. Erst nach dem Tode Freuds wandte sich Martha Freud wieder der Religion zu.


Auszug aus dem Trauregister der jüdischen Gemeinde Wandsbek

Emmeline Bernays

Der Streitpunkt Religion war während der Verlobungszeit eng mit Freuds Abneigung gegen Marthas Mutter verknüpft. Was ihn an Emmeline Bernays --neben ihrer Religiosität -- störte, waren ihre Scheu vor Unannehmlichkeiten und ihr Durchsetzungsvermögen, überhaupt ihre zu »männliche« Einstellung und ihr Despotismus in Familienfragen.

Nachdem sie nach dem Tode ihres Mannes die Vormundschaft für ihre damals noch unmündigen Kinder übernommen hatte, blieb sie auch nach deren Volljährigkeit das Oberhaupt der Familie. Der innere Motor für Freuds Feindseligkeiten gegen Marthas Mutter dürfte jedoch in engem Zusammenhang mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch gestanden haben.

Daß Martha ihrer Mutter gegenüber loyal war, paßte Freud nicht. Er verlangte, daß sie sich stets auf seine Seite stellte, bis hin zum Bruch mit ihrer Familie. In diesem Punkt widerstand Martha jedoch ihrem Verlobten und zog hier unweigerlich eine Grenze, an die Freud sich schließlich halten mußte.
Daß Martha unter den schwierigen Verhältnissen in Wien, auch unter den unbefriedigenden Begleitumständen, unter denen sich die Verlobten hatten treffen müssen, litt, hatte Freud schon vermutet und Marthas Blässe und ihre dunklen Schatten unter den Augen als »Angstneurose verlobter Paare« gedeutet. Darüber hinaus dürfte Marthas schlechtes Aussehen Ausdruck ihrer inneren Konflikte gewesen sein, hervorgerufen durch die divergierenden Interessen und Forderungen ihrer Mutter und ihres Verlobten.

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