FREUDS RIVALEN
Unkonventionelle Freiheiten

Die Verlobten korrespondierten auch über ein heute noch aktuelles Thema: die Frauenemanzipation. Freud stellte klar:
»Wir dürfen ziemlich einig darin sein, daß das Zusammenhalten des Haushaltes und die Pflege der Kinder einen ganzen Menschen erfordert und fast jeden Erwerb ausschließt, auch dann, wenn vereinfachte Bedingungen (..) der Frau [viele Arbeiten] abnehmen (...). Soll ich mir mein zartes, liebes Mädchen (..) als Konkurrenten denken ...?«

Freuds Familien- und Frauen-Ideal war konservativ geprägt. Er suchte die treusorgende Ehefrau und bekam sie auch. Darüber hinaus sollte Martha eine Hausverwalterin und Köchin, ein teurer Freund und ein süßes Liebchen sein. Freud registrierte schon während der Verlobungszeit genau, wenn Martha von seinen Vorstellungen abwich. Nachdem sie von einem Ausflug mit Minna berichtet hatte, schrieb er zurück: »Sieh da Lübeck! Soll man sich das gefallen lassen? Zwei (...) Mädchen (...) reisen! Das ist ja Auflehnung gegen die männliche Prärogative, aber Beginn der Erkenntnis, daß man ohne Mann nicht allein zu sein braucht ...« Scherz und Schmerz lagen bei Freud dicht beieinander. Er befand sich offenbar im Zwiespalt der Gefühle; sollte er Marthas Selbständigkeit bewundern oder eher fürchten? Mit gemischten Gefühlen bewertete er auch ihren Briefstil und ihre Urteilsfähigkeit:

»... du schreibst so treffend und so klug, daß mir ein klein wenig vor dir graut. (...) Da haben wirs wieder, wie rasch die Frau den Mann überholt. Nun ich verliere nichts dabei«. Bei dieser ängstlich-trotzigen Einstellung ihres Verlobten hatte Martha eine Förderung ihrer Fähigkeiten wohl kaum zu erwarten.

Aber Freud konnte auch zum kopfschüttelnden Moral-Apostel werden: »So absolut gutmütig sein (... ) ist wirklich keine Tugend mehr. Ich bin nicht prüde und achte Dich nur mehr, daß Du es auch nicht bist, aber wie Du nach allem was mit Elise geschehen ist ( ...) ihr die Ehre Deines Besuches (...) geben [konntest], geht mir nicht ein«.
Marthas Freundin Elise hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht und war damit gesellschaftlich erledigt. Nach Freuds Auffassung wäre es wohl ihre Pflicht gewesen, sich von ihrer Freundin fernzuhalten. Bei Martha stand aber an erster Stelle der Mensch in einer konkreten Situation -- dann kam die Konvention. Womit nicht gemeint ist, daß sie unkonventionell gewesen wäre. Sie trat den ihr nahestehenden Menschen jedoch gutmütig und loyal entgegen und versuchte, ihnen gerecht zu werden und -- vermutlich als Einfluß ihrer traditionellen Erziehung -- auch, es ihnen Recht zu machen.
Mit diesem Wesenszug zog sie sich wiederum den Ärger ihres Verlobten zu, der ihre Haltung, Konflikte zu vermeiden, als Charakterschwäche anprangerte. Möglicherweise wurde Freud erst später klar, daß Marthas »diplomatisches Geschick« eine wichtige Voraussetzung für das Zustandekommen wie für den friedlichen Verlauf ihrer Ehe darstellte. Nur weil Martha friedfertig, loyal, verständnisvoll war und sich zurücknahm, konnte Freud das Eheleben nach seinen Bedürfnissen gestalten.

Bereits eine Woche nach der Verlobung, als Martha sich in Wandsbek aufhielt, wurde Freuds Eifersucht geweckt. Er erfuhr nicht nur, daß Marthas Hamburger Vetter, der Komponist Max Mayer, ihr nahegestanden hatte, sondern, daß sie von einigen Liedern, die Max komponiert und gesungen hatte, begeistert gewesen war. Einen weiteren Konkurrenten sah er in seinem engen Freund, Fritz Wahle, zu dem Martha ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, das sie nicht aufzugeben gedachte. Freud ließ jedoch solange nicht locker, bis sie den Kontakt abbrach.
Freud brauchte den Kampf -- und den Sieg.

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