VERLOBUNGSZEIT -- KONFLIKTEZEIT

Für Martha, die als eine Bernays zwar gesellschaftliches Ansehen, aber kein Geld hatte, schien es naheliegend, einen wohlhabenden Mann zu heiraten. So war ihre Familie anfangs alles andere als erfreut darüber, daß der mittellose, medizinische Wissenschaftler Dr. Sigmund Freud, der auch noch die Religion strikt ablehnte, sich für Martha interessierte. An Verehrern mangelte es Martha ohnehin nicht. Ihr gewinnendes Wesen und ihr ansprechendes Äußeres - sie war schlank, ziemlich blaß und eher klein - machte sie für Männer sehr anziehend. Gleichwohl hatte sie nach wenigen Verlobungswochen schon an ihrem Aussehen etwas auszusetzen und dies auch Freud mitgeteilt. Er antwortete »mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit (...):

Ich weiß wohl, Du bist nicht schön im Sinne der Maler oder Bildhauer (... ) Ich meinte, wieviel von dem Zauber Deines Wesens sich in Deinem Gesichtchen und in Deiner Gestalt ausdrückt, wieviel an Dir zu sehen ist, was nur auf das Gute, Edle und Vernünftige in der Seele meines Marthchen zu deuten ist.«




Martha Bernays, Sigmund Freud -- Verlobungsfoto

Freud bewies bei der Wahl seiner Frau eine solide Orientierung. Er brauchte keine strahlende Schönheit, sondern eine Frau, für die er sorgen konnte, die aber in erster Linie für ihn sorgte. Freud bevorzugte den sanften, weiblichen Typ -- und Martha Bernays versprach, seine Erwartungen zu erfüllen.
An einem Abend im April 1882 bei der Familie Freud: »... ein fröhliches junges Mädchen (Martha), das am Tisch saß und heiter plaudernd einen Apfel schälte, erregte Freuds Aufmerksamkeit, und zur allgemeinen Überraschung setzte er sich dazu«. Jener erste Blick hatte Freuds Schicksal besiegelt.

Die Verbindung, die so romantisch begonnen hatte, erwies sich jedoch auf den zweiten Blick zunächst als problematisch. Wenn auch Jones betonte, daß die Phasen ungetrübten Glücks während der Verlobungszeit weit überwogen hätten, so war diese Zeit auch durch heftige Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet. Hauptgrund für die lange Verlobungszeit von über vier Jahren (Juni 1882 -September 1886 ) war die Armut beider Familien. Martha hatte keine Mitgift zu erwarten; Freud fehlte die berufliche Grundlage zur Existenz- und Familiengründung, zumal er noch zum Lebensunterhalt seiner Familie beitrug.


Wandsbek Winterfreuden auf der Eisbahn

Die Konflikte, die das Paar während der Verlobungszeit austrug, beruhten auf den unterschiedlichen Auffassungen der Verlobten über Freundschaften, Familienverbundenheit und religiöse Fragen, sie wurden ausgelöst durch Freuds Eifersucht, sein Besitzdenken, seinen Ausschließlichkeitsanspruch, seinen Durchsetzungwillen in vielen Fragen, die seine Braut und ihre zukünftige gemeinsame Lebensgestaltung betrafen: Freud brach den Streit vom Zaun und machte klar, daß er der Herr im Haus zu sein beabsichtigte.

Schon während der ersten Verlobungsphase beanspruchte er, in Marthas Leben der Einzige zu sein und beklagte sich noch 1884 rückblickend über die damalige Konkurrenz: »Ich fand ... jeden Platz in Dir besetzt, und Du warst spröde und hart, und ich hatte keine Macht über Dich ... «.

Der 17. Juni 1882 war der Tag, an dem sie sich als heimlich verlobt betrachteten. Zwei Tage später reiste Martha nach Wandsbek ab, um den Sommer bei ihrem Onkel Elias Philipp zu verbringen. Diese Reise war offenbar schon länger geplant und kann nicht als »Entführung« Marthas durch ihre Mutter -- um sie von Freud zu trennen -- angesehen werden.

Die endgültige Übersiedlung nach Wandsbek erfolgte erst ein Jahr später.

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