DIE HERKUNFTSFAMILIE

Martha Bernays stammte aus einer angesehenen Hamburger Familie. Ihr Großvater, Isaac Ben Jacob Bernays, kam 1821 aus dem Raum Mainz nach Hamburg, wo er zum Oberrabbiner der Deutsch-Israelitischen Gemeinde gewählt wurde. Er war einer der ersten deutschen Rabbiner, die neben dem Talmud-Studium eine Universität besucht und Philosophie studiert hatten.
Bernays führte in Hamburg den Titel »Chacham« (Weiser), nach der Tradition der sephardischen Juden, um sich von den orthodoxen, aschkenasischen Rabbinern abzugrenzen. Er reformierte den Gottesdienst und den Unterricht an der Talmud-Tora-Schule, blieb aber dem orthodoxen Judentum verbunden und wurde zum Wegbereiter der Neu-Orthodoxie. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt hatte er die 18jährige, in Hannover geborene Sara Lea Berend, Tochter eines Hofagenten, geheiratet, mit der er sieben Kinder hatte.
1826 wurde Berman Bernays, Marthas Vater, geboren. Die Söhne Jacob und Michael Bernays schlugen die akademische Laufbahn ein und wurden zu Professoren ernannt. Jacob Bernays starb 1881 unverheiratet. Sein Vermögen fiel u.a. an Martha Bernays und ihre Geschwister. Wer, wie Marthas Vater, den Risiken einer selbständigen Existenz ausgesetzt war, mußte nicht automatisch Erfolg haben.
Berman Isaac Bernays hatte nach neunjähriger Verlobungszeit 1854 Egla (Emmeline) Philipp geheiratet, Tochter des hamburgischen Kaufmannes Fabian Aron Philipp und seiner Ehefrau Minna, geb. Ruhen. Berman Bernays betrieb eine »Leinen, Stickereien- und Weisswaren-Handlung« in der Straße Alter Wall 2, Ecke Schleusenbrücke in der Hamburger Altstadt.
Die Ehe war vielfältigen Belastungen unterworfen. Der Sohn Isaac war 1855 mit einem schweren Hüftleiden geboren worden, drei weitere Kinder starben als Säuglinge.

1860 wurde Marthas Bruder Eli geboren. Im gleichen Jahr gab Berman Bernays den Textilhandel auf und schloß mit der Firma Haasenstein &Vogler in Hamburg einen Vertrag über Annoncen-Geschäfte. Das Büro befand sich in der Fuhlentwiete 128 in der Hamburger Neustadt, die Wohnung in der Straße »b[ei] d[enl Hütten 61«. Hier ist am 26. Juli 1861 Martha Bernays -und vier Jahre später ihre Schwester Minna - geboren worden.


Hamburgs Oberrabbiner Isaac Ben Jacob Bernays

Marthas Geburt muß in eine Phase größter wirtschaftlicher Schwierigkeiten gefallen sein. So konnte die Familie ihre Beiträge an die Deutsch-Israelitische Gemeinde nicht mehr bezahlen. Steuerrückstände bei der jüdischen Gemeinde mögen auch der Grund dafür gewesen sein, daß die Kinder erst Jahre später ins Geburtsregister eingetragen wurden.
Berman Bernays tat vermutlich alles, um aus der Misere herauszukommen, verschärfte sie jedoch noch. Um seine Einkünfte aufzubessern, hatte er begonnen, mit Wertpapieren zu handeln. Zwei äußere Anzeichen lassen auf eine vorübergehende Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Jahre 1865 schließen: der Umzug in eine Mietwohnung an der Mühlenstraße in der Neustadt, wo auch zwei Dienstboten beschäftigt werden konnten, sowie die Nachentrichtung der ausstehenden Jahressteuerzahlungen an die jüdische Gemeinde.
Die Phase der Prosperität dauerte jedoch nicht lange. Bernays war durch den Wertpapierhandel mehr und mehr in finanzielle Schwierigkeiten geraten und mußte schließlich im Jahre 1867 seine Insolvenz erklären. 1868 wurde er wegen betrügerischen Bankrotts zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.



Hamburger Neustadt

Übersiedlung nach Wien

Nach seiner Entlassung nahm er das Angebot seiner früheren Firma an, in deren Niederlassung in Wien zu arbeiten, wohin er 1869 mit seiner Familie zog. Martha war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt. Sie erinnerte sich später an die Tränen ihrer Mutter, die aus Trauer über die bevorstehende Abreise aus Hamburg auf den heißen Küchenherd getropft waren.
In Wien konsolidierte sich die wirtschaftliche Lage der Familie. Berman Bernays konnte seine Tätigkeit bald gegen die vermutlich lukrativere Stellung als Sekretär des Wiener Nationalökonomen, Staatsrechtlers und Universitätsprofessors Lorenz von Stein eintauschen. 1879 erlag Berman Bernays einem Herzschlag. Die Einkünfte des 19jährigen EIi Bernays sowie die finanzielle Unterstützung durch Berman Bernays' Geschwister sicherten der Familie den Lebensunterhalt.
Martha Bernays hatte eine sorgfältige Erziehung genossen, eine »höhere Töchterschule« besucht und sich dort - wie allgemein üblich - mit Geschichte, Geographie, Literatur, fremdsprachlicher Konversation, Handarbeiten, Zeichnen, Gesang und Gesellschaftstanz beschäftigt. Die Erziehung sollte auf die Rolle der Hausfrau bzw. Dame der Gesellschaft vorbereiten. Nicht gefragt war die geistige Partnerin des Mannes.
Die Einschätzung des Freud-Biographen Jones, Martha Freud wäre »intelligent, ohne daß man sie eine Intellektuelle nennen könnte«, deutet darauf hin, daß sie nicht über das durch ihre Erziehung geprägte Rollenverhalten hinausgegangen ist.

Nach Abschluß der Ausbildung verbrachten die »höheren Töchter« -- auch Martha und Minna Bernays - die Zeit mit Sticken, Lesen, Theater- und Konzertbesuchen sowie dem Besuch von Verwandten und Freundinnen -- und sie warteten auf den geeigneten Ehemann.

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