MARTHA BERNAYS UND ANNA O.


Martha Bernays im Jahr 1883

Im Juli 1883 schrieb Sigmund Freud seiner Verlobten Martha Bernays:

»... dann kam ein langes medizinisches Gespräch über ... Nervenkrankheiten und merkwürdige Fälle, auch Deine Freundin Bertha Pappenheim kam wieder auf's Tapet, und dann wurden wir intim persönlich und sehr vertraut, und er (Breuer) erzählte mir manches, 'was ich erst erzählen soll, wenn ich mit Martha verheiratet bin', von Frau und Kindern ... «.
In dieser Passage aus einem der zahlreichen »Brautbriefe«, die der in Wien lebende Arzt Dr. Sigmund Freud an seine Verlobte in Wandsbek geschrieben hat, kommen Biographie-relevante Aspekte zum Tragen. Das Leben der Martha Freud, der Ehefrau des Begründers der Psychoanalyse, nachzeichnen zu wollen, bedeutet, sie in schriftlichen Darstellungen der »anderen« aufzuspüren: in der ausgedehnten (Auswahl der) Korrespondenz Sigmund Freuds, in den Biographien über ihn, aber auch über seine Tochter Anna sowie in den Abhandlungen seiner Kollegen, Kinder und Enkel. Originäre Spuren der Martha Bernays-Freud -- ihre Briefe etwa -- sind nicht veröffentlicht worden, möglicherweise nicht mehr vorhanden.
So bleibt die Suche nach Martha Freud an ihren berühmten Ehemann gebunden -- und folgt gleichsam einem Sekundar-Muster.
Der Brief-Ausschnitt gibt exemplarisch Einblick in das Verhältnis des Paares: Freud ließ seine Verlobte an seinem Berufs- und Innenleben (noch) intensiv teilnehmen - was auf das spätere Eheleben nicht mehr zutraf.
Freud erwähnte Bertha Pappenheim nicht nur, weil sie Marthas Freundin war, sondern weil er von ihrem Krankheitsbild fasziniert war. Bertha Pappenheim war »Anna O.«, die Patientin, die Breuer wegen schwerer psychosomatischer Störungen behandelt hatte. »Anna O.« gilt als der Fall, der die Psychoanalyse begründete. Fraglich bleibt, ob Sigmund Freud mit dem Gespräch -- in dem es vermutlich um einen hysterischen Geburtsvorgang ging -- wirklich bis zur Hochzeit gewartet hat. Als begründet kann jedoch angenommen werden, daß Martha Bernays um die Identität der »Anna O.« wußte. Das läßt den Schluß zu, daß sie die Entstehung der Psychoanalyse begleitet hat, ein Aspekt, der bisher kaum beachtet wurde.
Martha Bernays und Bertha Pappenheim stammten aus orthodoxen jüdischen Elternhäusern. Beide wurden früh mit dem Tod naher Angehöriger konfrontiert. Marthas Lieblingsbruder Isaac starb, als sie elf Jahre alt war, sieben Jahre später starb ihr Vater. Bertha verlor ihre Schwestern und mit einundzwanzig Jahren ihren Vater. Die Familie Pappenheim hatte nach dem Tode ihres Versorgers keine Not zu leiden, während Marthas Vater seine Familie unversorgt zurückließ.
Trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen unterschieden sich die Lebenswege der beiden »höheren Töchter« des jüdischen Bürgertums erheblich. Während die Wienerin Bertha Pappenheim nach ihrer Gesundung den feministischen Kampf gegen gesellschaftliche Mißstände wie Prostitution und Mädchenhandel führte, den »Jüdische(n) Frauenbund« gründete, unverheiratet und kinderlos blieb und durch ihre sozialen Aktivitäten berühmt wurde, ging die gebürtige Hamburgerin Martha Freud den traditionellen Weg der Ehefrau, Mutter und Hausfrau an der Seite ihres berühmten Ehemannes, ohne für sich einen vom Familienleben unabhängigen Bereich zu beanspruchen.

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